tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
An solchen Tagen führte unser Held so manche Gespräche und die alte Dame sprach noch so einige solcher betrübenden Wahrheiten aus und es ist völlig unnötig zu erwähnen, dass das voll Liebe strotzende Herz unseres großen Helden vor Mitleid dabei fast zerplatzte. Eine Lösung musste dringend her. Als Pragmatiker sah er da nur einen Weg. Er musste in die Politik. Ach, hätte unser Held damals doch nur geahnt, was ihm nach dieser Entscheidung noch
bevorstand! Denn unser kluger, wenn auch allzu naiver Held, hatte sich gar nicht überlegt, wie hochorganisiert und gefestigt so eine Machtstruktur der Reichen doch sein musste, denn eins war klar: wer viel hat, hat auch viel zu verlieren und weil kein habgieriger Habender das haben will um seine Erhabenheit nicht zu verlieren, wird er sich weniger auf sein Glück als auf Kontrolle verlassen und diese besitzt er am besten in der Politik und in den Medien. Leider fehlt uns etwas die Zeit, um diese gekonnten und durchdachten Verwicklungen und Verstrickungen weiter zu erläutern. In Kurzform könnte man vielleicht sagen, dass es in erster Linie um die Ausgrenzung von alternativen
("gefährlichen") Ideen ging. Sehr beliebt waren auch kleine Ablenkungsmanöver. So wurde zum Beispiel nahezu regelmäßig darüber debattiert, wie man den Kanten am gerechtesten Teilen könnte. Das Ganze ging hin und her. So wurde beispielsweise die Bildung wieder zu Lasten des Lohns erhöht und dann wieder zum Nachteil einer anderen Sache gesenkt und das Ganze wieder von vorn. Dieses Spiel war so verwirrend und so zeitintensiv, dass die Frage nach der Größe des Kantens überhaupt nie gestellt werden konnte. So als ob diese doch unzweifelhaft unter allen politischen Teilnehmern zuvor nahezu axiomatisch fixiert wurde. Da war nicht dran zu rütteln. Doch unser kühner Held war da natürlich ganz anderer Meinung und so setzte er schnell eine neckische Spitzfindigkeit direkt in sein erstes Wahlprogramm. Diese 'amüsante Fieselei', so wie er sie manchmal in romantischer Stimmung unter Freunden betitelte, betraf das Bußgeld, das Gesetzeswidrige in horrenden Summen vielerorts fast täglich zu zahlen hatten. Diese Idee hatte natürlich, wie alle Ideen bei Menschen mit Bauernverstand, einen alltäglichen Bezug, der jedoch von den Meisten aufgrund der ihm zugrunde liegenden Trivialität von öffentlichen Personen oftmals verheimlicht wird. So war es auch bei unserem Helden, denn bei der Geburt seiner Idee befand er sich gerade mit seinem veralteten Volkswagen auf der Autobahn und ärgerte sich zornesrot über die Lichthupe seines Hintermannes, dessen luxuriöses Gefährt ihm schon fast von der Fahrbahn abzudrängen schien. Trotz des Versuchs der Unnachgiebigkeit, lenkte unser Held irgendwann schließlich doch ein und wechselte die Spur, so dass der wahnwitzige Verkehrsrowdie endlich mit
seinem Geschoss vorbeiziehen konnte. Da der verletzte Stolz unseres Helden dennoch sehr tief saß, unterließ es unser Held nicht sich seine Männlichkeit mit einem grimmigen Blick zum anderen Fahrer, als sie in etwa auf gleicher Höhe waren, würdevoll zurückzuerobern. Dieser jedoch ignorierte unseren Helden völlig und schien scheinbar mit seiner Autoscheibe zu reden. 'Wohl ein Businessman.', dachte unser Held abfällig, da erfolgte plötzlich ein kurzes Aufblitzen unmittelbar vor ihm und schnell schien das ihm eben überholte Fahrzeug etwas langsamer zu fahren, so dass sich beide Wagen wieder auf gleicher Höhe befanden. Natürlich war unser Held außer sich vor Freude und machte den Versuch diese seinem ungeliebten Widersacher auch mitzuteilen. Doch als er mit breitem Grinsen den Kopf zum anderen Fahrer neigte, musste unser Held mit Bestürzung feststellen, dass dieser überhaupt nicht sauer aussah! Viel schlimmer noch, auf einmal drehte dieser ebenfalls seinen Kopf und lächelte unseren Helden mit einem so breiten Grinsen ins Gesicht, dass dieser fast völlig die Fassung verlor und in ihm der Gedanke aufkeimte, seinem arroganten Nebenbuhler mit eindeutiger Handhaltung sein Missfallen ausdrücken zu wollen, doch dazu kam es dann schließlich doch nicht, denn der 'Schnösel', so wie unser Held sich mehrmals später äußerte, drückte auf einmal so kräftig auf das Gaspedal, dass sich sein Gefährt alsbald in der Weite des Horizonts verlor. Unser geschlagene Held wetterte noch so einige Zeit über diese Geschichte und war fast in Versuchung seinem 2000-Euro-Gelübde für kurze Zeit zu entsagen, um sich für eine zukünftige Autobahnsituation angemessen wappnen zu können, doch dann erschien in ihm die Idee, welche seiner Erniedrigung letztlich doch etwas Positives abgewinnen ließ, denn auf die Frage, warum der Blitz dem offenkundig wohlhabenden Menschen so gleichgültig war, konnte es nur eine Antwort geben. Dieser empfand die Konsequenz seiner Zuwiderhandlung nicht als hinreichend beeinträchtigend, was, so schloss er, darauf zurückzuführen war, dass das Bußgeld für eine Person mit Geld viel zu gering war, als dass es hätte abschreckend wirken können. So folgerte er schließlich nicht ohne Rachegelüste die Schaffung eines "Relativen Bußgeldkatalogs". In diesem sollte die zu zahlende Strafgebühr aus einem prozentualen Anteil des Einkommens des Zuwiderhandelnden bestehen.