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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Bruce Armat: Der große Mann (1)

Der große Mann

Die Geschichte soll, wie so oft, mit einer harmlosen Einleitung beginnen und schließlich mit einer schrecklichen Tragödie ihr Ende finden. Unser Hauptheld ist natürlich männlicher Natur. Man könnte nun überlegen, ob jener besondere Eigenschaften besitzt, zum Beispiel sehr groß wäre, aber in der Tatsache, dass unser Held von der Körpergröße eher mittelgroß zu nennen wäre, liegt unmittelbar die wirkliche Besonderheit unseres Helden begründet, nämlich seine besondere geistige Größe, obgleich schonmal im Vorfeld erwähnt werden sollte, dass unser Held weder ein Genie ist noch eines dieser manchmal vorkommenden Inselbegabungen, die aus riesigen Zahlen in

unvorstellbarer Geschwindigkeit enorme Rechenoperationen vornehmen können. Nein, unser Held verfügt über etwas anderes. Nämlich eine Form der geistigen Größe, die man auch als Bauernvernunft oder Pragmatismus bezeichnen könnte. Zum Beispiel hat unser Held eine sehr klare Definition von Gerechtigkeit, welche er manchmal zum Besten gibt, wenn er auf Pressekonferenzen etwas Erheiterndes und zudem sehr Ernstes über die heutige politische Situation mitteilen möchte.

Meistens beginnt er dabei mit einer falschen Definition, die, so wie er glaubt, noch in vielen Köpfen vorhanden zu sein scheint, besonders seiner Ansicht nach in den Köpfen derjenigen, die 'systemrelevante' Positionen inne haben, was unseren Helden besonders ärgert, da diese ja aufgrund ihres Postens durchaus Verstand besitzen müssten. Unser Held beginnt dabei stets mit einem zugegeben sehr abstrakten Problem. "Man nehme einen Laib Brot", sagt er in fast mathematischer Manier der Beweisführung, "und versuche diesen auf 100 Menschen aufzuteilen." An dieser Stelle

wissen die Meisten im Saal schon, was nun folgen wird, allerdings bitten die Wenigsten darum, den folgenden Teil zu überspringen, da unser Held bei seinen Erläuterungen stets sehr in Rage gerät, was allgemein als sehr erheiternd wenn nicht sogar belustigend empfunden wird. Unser Held also erläutert weiter "Nach eurer Definition von Gerechtigkeit", sagt er böse sich nach einem Feind umschauend "nimmt man also ein Messer, schneidet den Kanten ab, wirft 99 diesen hin und behält den Rest für sich. Und das", wiederholt er nach einer langen Pause bekräftigend "nennt ihr dann Gerechtigkeit." Danach folgt schließlich seine Definition, die man sich nach Erwähnung seines

Bauernverstandes ja schon denken kann, weshalb ich sie hier überspringen möchte und lieber die Wirkung auf seine Zuhörer noch einmal eingehender erläutern möchte. Denn diese zeigt trotz der kurzfristigen Erheiterung in langfristiger Weise durchaus ein Resultat, das unserem Helden sehr zuträglich ist, denn seine aufrichtige Wut schafft vielerorts Sympathie und daher – um im Politikerjargon zu bleiben – Stimmen (wobei man oftmals den Eindruck haben könnte, dass manchen Politikern Stimmen wichtiger als die Menschen dahinter sind), so dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass sich unser Held großer Beliebtheit unter der Bevölkerung erfreute. Er war sozusagen "im Kommen" und man bräuchte fast nicht mehr erwähnen, dass dieser Umstand unserem Helden nicht nur Freunde einbrachte, denn es gab eine Menge sehr einflussreicher Personen, die ihm am liebsten den aufsteigenden Ast abgesägt hätten, wenn nicht sogar ihn davon heruntergeschossen hätten. Doch Schuld war unser Held natürlich auch selber, denn nicht nur seine populistischen Thesen sorgten für Aufsehen, sondern auch die Tatsache, dass er tatsächlich bereit war, danach zu handeln, was in den Medien nahezu täglich für Schlagzeilen sorgte. Ein Bericht aus seinem Lebensalltag soll hierfür exemplarisch sein. In diesem zeigte er nämlich eine seiner fast skandalösesten Prinzipien. Nämlich hatte er sich eines Tages tatsächlich einmal hingesetzt und sich seinen Teil des Laibes ausgerechnet, der ihm seiner Meinung nach zustand. Nach den Faktoren männlicher Single, Dreizimmerwohnung, Kleinwagen, Ernährung, ein wenig Luxus aber keinen Schund, etc. kam er auf eine monatliche Summe von knapp 2000 Euro. Überraschenderweise war diese Summe deutlich unter der seiner Einnahmen, denn die politische Tätigkeit wie Bücher, Kolumnen usw. warf mittlerweile durchaus schon ein stattliches Sümmchen ab. Ein so stattliches, dass unser Held nahezu übergeschnappt sein musste, denn in dem Bericht über ihn sagte er doch tatsächlich in aller Vernunft und – wohlgemerkt – Nüchternheit, er gebe den Teil, der über seine festgelegte Summe ist, Monat für Monat für wohltätige Zwecke ab. Gott, was für ein Idiot, möge mancher nun vielleicht auch etwas zu Recht über unseren Helden denken. Einige Hinterlistige würden vielleicht zum Gegenteil kommen und hinter all dem einen geschickten Schachzug 

innerhalb seiner Wahlkampagne vermuten, doch wie dem auch sei, unser Held war einfach so und er machte es einzig und allein wegen seines Sinns für Gerechtigkeit, trotzdem er natürlich wusste, dass sein Handeln nur lediglich als Tropfen auf den heißen Stein gewertet werden konnte, denn die paar Tausender, die unser Held allmonatlich entbehrte, waren natürlich nichts im Vergleich zu denjenigen, die ihn so ärgerten, denn manche von diesen verdienten ihren Teil des Laibes binnen eines Tages, doch, viel schlimmer, was machten sie erst mit dem Rest! Sie kauften sich riesige Häuser, denen das Wort Palast nicht einmal gerecht geworden wäre, sie statteten ihre Frauen mit Kleidern, Schmuck und Taschen aus, von deren Wert ein ganzes afrikanisches Dorf jahrelang hätte überleben können, auch statten sie sich mit Frauen aus, arme Seelen, die Dankbarkeit mit Liebe verwechselten, oder auch ihre alten Frauen mit Merkmalen, die ihr Antlitz verzehrten und ihnen den Schlaf auf dem Bauch verhinderten. Doch von alldem ärgerte ihn am meisten die überhebliche Selbstverständlichkeit, mit der die 'besseren Menschen' das Recht auf ihren Besitz wahrnahmen. Ja, so als ob der liebe Gott persönlich ihnen das Einverständnis zu ihrer geistlosen Maßlosigkeit

gegeben hätte. Doch auch etwas anderes ärgerte ihn 'in den eigenen Reihen', so wie er sich des Öfteren ausdrückte. Nämlich der Umstand, dass der einfache Mensch diese Maßlosigkeit der Obrigkeit nahezu passiv einfach so hinnahm. So, als ob es ein ungeschriebenes Gesetz gab, in dem der einfache Mensch gefälligst dem Edlen zu Reichtum verhelfen sollte, selbst unter Verzicht der eigenen Zufriedenheit. Wahrlich durfte er im Rahmen der enormen Erfindung der Meinungsfreiheit sein Missfallen darüber ausdrücken und das tat er natürlich auch oft genug, aber dennoch schien

ihm das Meckern in vielerlei Hinsicht bereits irgendwie zu genügen. Doch warum nur, fragte sich unser Held? Man könnte annehmen, dass die Bürger nicht genügend über die gewaltige Verschwendung im gehobenen Kreise informiert gewesen wären, doch diesen Gedanken galt es alsbald zu verwerfen, denn die Medien berichteten mittlerweile über fast nichts anderes. Sobald man den Fernseher anschaltete, sah man Stars und Sternchen, 'Celebrities' und Prominenz, kurz Menschen, die 'es geschafft hatten', und empfand dabei nichts Anstößiges, trotzdem der geneigte Zuschauer durchaus solches hätte finden können. Nein, etwas anderes musste es sein und nach

endlosen Büchern und zahllosen Grübeleien fand unser Held schließlich eine Antwort. Die Gewohnheit. Diese, so schloss unser Held scharf, erwächst aus der Angst vor Veränderung. Hier sei erwähnt, dass er sich bei diesen mentalen Ausflügen manchmal ein Bild einer älteren Frau machte, der er dann die Stimme des 'einfachen Volkes' zukommen ließ. Diese sagte ihm etwa Folgendes:

"Ich weiß, mir gehts nicht gut, ich kenne viele, die in Armut leben und ich sehe auch, wie die Reichen uns auf der Nase herumtanzen und das auch nichtmal vor uns zu verbergen versuchen, aber dennoch denke ich mir auch, dass es viel schlechter um uns stehen könnte und da ich selbst nichts machen kann, weil ich arm bin, versuche ich wenn schon kein glückliches dann wenigstens ein zufriedenes Leben zu führen."

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