tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
8. Der Verdacht
Auf Anraten von Climbimbus wandte ich mich zuerst an meine alte Freundin Tanja Togel, die sich auf Antiquitäten, insbesondere alte Waffen, spezialisiert hatte und europaweit als Fachfrau galt.
Nach einer Tasse Tee rollte ich den Degen aus einer Tigerfelldecke und zeigte ihr das Prachtstück.
Sie setzte ihre Brille auf, weil dies alle Fachfrauen für alte Waffen tun, fiel in tiefes Schweigen und griff dann nach einem dicken Wälzer, einem uralten Katalog, wie sie mir erklärte. Außer einigen „aha” und „so was” konnte ich
nicht verstehen, was sie vor sich hinmurmelte. Schließlich aber hatte sie ihre Expertise abgeschlossen: „Elfenwaffe, eindeutig, ursprünglich in Unterdererde verbreitet, nun in dieser Welt.“
Mich interessierte weniger die Herkunft, als die Bezeichnung. Das letzte Puzzleteil war gelöst. Für einen Privatermittler wie ich, der zudem über Jahre praktische Erfahrungen im Geheimdienst gesammelt hatte, war ein
Puzzle mit einigen tausend Teilen keine Herausforderung. Ich hatte mir zwei Tüten Paniermehl im Gesamtgewicht von fünf Kilogramm zugelegt und daraus die ehemaligen Brötchen geformt.
„Unter der Erde!“ Ich zog die drei Worte auseinander. „Zwerge, unter der Erde, Kamener Kreuz und Westerwald.“
Tanja Tegel hörte mir nicht zu.
„Woher hast du diesen Degen?“
„Aus meinem Bürosessel.“
„Wolf, sei doch einmal erwachsen.“
Kurz berichtete ich ihr von dem dreisten Überfall und meinem Auftrag.
„Du hast dich da mit ganz dunklen Mächten eingelassen.“
„Also denkst du, George Bush steckt dahinter?“
„Weniger er. Obwohl man nie weiß, ob sein frommer Glaube nicht nur Tarnung ist für ganz andere achenschaften.“
„Öl. Na sicher, bei den familiären Verstrickungen.“
„Die Farbe stimmt, schwarz. Höre zu, Wolf, du bist zwar ein Verstandesmensch, aber seit der Geschichte mit deinem Feuerwehrauto hast du auch die medialen Fähigkeiten entwickelt, die du in diesem Falle brauchen wirst.
Denke immer daran, was wir sehen, ist nicht das, was es ist.“
Dann fiel Tanja in tiefes Schweigen. Neben dem Antiquitätengeschäft war sie noch Seminarleiterin bei der örtlichen VHS, Fachbereich Meditation und Kamasutra.
Kaum hatte ich ihr Ladenlokal verlassen, vermeinte ich, einen Schatten zu erblicken. Tatsächlich, irgendein Amateur wollte mich überwachen. Ich steckte mir eine Zigarette an und bog in die Nebenstraße. Von dort aus
konnte ich durch mehrere Hausflure wieder zu Tanjas Laden kommen. Die Person, die man auf mich angesetzt hatte, folgte mir nicht, sondern stürmte in das Antiquitätengeschäft. Es war der Inhaber des Degens, mit dem ich
erneut zusammen prallte. Diesmal war er jedoch der Sieger und ich kümmerte mich um Tanja Tegel, die eine ordentliche Platzwunde am Hinterkopf hatte.
„Schon gut, Wolf, dieses merkwürdige Narbengesicht hat mir zwar eins übergezogen, aber ich habe vorher die Degen ausgetauscht. Wenn er das Paket auswickelt, wird er nicht schlecht staunen.“ Dann marschierte sie
schnurstracks zu ihrem Erste-Hilfe-Kasten, entnahm ein Pflaster und eine gelblich schimmernde Flüssigkeit.
„Das sieht nicht sehr appetitlich aus!“
Tanja grinste. „Soll wohl sein, ist eine Mischung von Orkblut, Krötensaft und diversen anderen Zutaten. Ich werde damit Türen und Fenster bestreichen und ich schwöre dir, dieser Schwarzalb ist gebannt.“
Sie füllte mir eine kleine Flasche mit diesem Zaubermittel ab.
„Für alle Fälle, mein Freund. Du wirst ein Abenteuer zu bestehen haben, das es in sich hat. Am Ende, mein Lieber, wirst du eine angenehme Überraschung erfahren.“
Na ja, für den heutigen Tag reichte es. Vielmehr suchte ich mein Büro auf, um mir darüber klar zu werden, was ich kombiniert hatte.
Dank einiger Straßenkarten und verschiedenen Verzeichnissen hatte ich eine ungefähre Vorstellung, wo ich Snowey finden könnte.
Vom Kamener Autobahnkreuz aus in Richtung Westerwald, das war die Hauptlinie. Zwerge? Natürlich, Bergwerg. Alter Flöz. Ich fand eine alte Zeche, die „Anna-Hibernia”, die in mein Schema passte wie Butter aufs Brot. Warum aber hatte mir die Stiefmutter so viele Hinweise gegeben?
Wenn sie doch gewusst hat, wo sich das Mädchen aufhielt, hätte sie sich selbst auf die Socken machen können. Und dieser Degentyp? Wie standen die beiden in Verbindung? Zuerst hatte ich mir noch einmal den Drink-King
vorgenommen. Zu diesem Zwecke hatte ich einen alten Kumpel beim BND angerufen. Vergessen Sie den Quatsch von der sicheren Leitung. Oder Zerhacker.
Rausgeschmissenes Geld. Alles wird lückenlos überwacht und entschlüsselt. Sie glauben mir nicht? Bevor ich meinen Freund nach den wichtigen Dingen befragte, äußerte ich, eine Frau zu überwachen, die insgeheim
Nymphomanin war und jeden Tag Männerbesuch hatte, wenn ihr Göttergatte seinen Dienst verrichtete. Ganz nebenbei flocht ich ein, dass es Frau XXX war (der Name tut nichts zur Sache), die Gattin des Abteilungsleiters
meines Freundes, der üblicherweise dessen Telefonleitung und Emails überwachte. Kaum hatte ich dies erwähnt, stürzte der Vorgesetzte in das Büro meines Informanten und war sehr aufgeregt: „Ich muss in einer dringenden Angelegenheit nach Hause.“
So konnten wir in Ruhe unsere Informationen austauschen.
„Du hast recht, der Drink-King war damals in eine merkwürdige Rüstungsgeschichte involviert. Es sollten Schützenpanzer für die Bundeswehr beschafft werden. Über einhundert Millionen D-Mark, das war noch zu jener
Zeit, wurden an Anzahlungen geleistet, obwohl es nicht einmal Konstruktionspläne des Panzers gab.“
„Dachte ich es mir doch. Und wo ist die Knete geblieben?“