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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Manuel Göpferich aus "Grüne Windmühlen" (3)

 

TESSAS INSPIRATION


Ihre Katze war ihre Inspiration. Tessa liebte Katzen über alles, sie bewunderte die Geschicklichkeit und das Mysteriöse dieser Tiere. In ihrem künstlerischen Schaffen spiegelte sich diese tiefe Zuneigung wider; jedes zweite ihrer Gemälde hatte eine Katze zum Motiv. In ihrer Einzimmerwohnung roch es nach Ölfarben, die vom beißenden Gestank

des Terpentins dominiert wurden. Ein Sammelsurium an Pinseln, Farbtuben und Keilrahmen beanspruchte den Großteil des Wohnbereches.

Außer Tessa fand sich in diesem Chaos nur ihr grau-schwarz gestreifter Kater namens Flipper zurecht, der die Unordnung wie sein Frauchen liebte. Flipper ließ es sich nicht nehmen, zuerst durch die zu Boden getropften Ölkleckse und dann über die Leinwände zu tapsen.

„Wann wirst du es ihnen sagen?“ Leise formulierte sie die Frage, während ihre Pinselstriche gröber wurden und sie schließlich von der Staffelei zurücktrat. Bereits morgen würden ihre Eltern kommen, und anstatt einer ordentlich arrangierten Studentenwohnung ein chaotisches Atelier vorfinden. Sie würden eine Tochter antreffen, die sich vom lehrplanmäßigen Studium losgesagt hatte und ihrem eigenen Leben nachging.

Dreimal gelang es ihr, trotz Gewissensbissen, den Termin für den Besuch zu verschieben. Beinahe hätte sie das Wort „unausweichlich“ auf die Leinwand geschrieben; schmierte sich dann jedoch die blaue Farbe in die blonde Mähne. Ihr Werk konnte sie nicht mehr fortsetzen, darum nahm sie Flipper auf den Arm und ging in die Küche, wo sich unbezahlte

Rechnungen, Quittungen und zerflederte Zeitschriften stapelten.

Nunmehr schuf sie Ordnung. Weiter zu studieren schien ihr unmöglich, waren die Gebühren doch sehr hoch und die freie Malerei ihre einzige Einkommensquelle. Ihr aktuelles Gemälde plante sie in einer Vernissage zu präsentieren, die angehenden Talenten der Stadt Weimar offen stand.

Melancholisch wirkten die verwobenen, ihren Anfang wissenden und ihr Ende suchenden Wasserfälle. Gelungen – fand sie. „Freigeist“ und ihre Initialen prangten in der rechten Bildecke. Tessa wickelte es in weiße Tücher, dachte dabei an die Schwierigkeiten, die ihr der Transport durch die belebten Straßen bereiten würde. Kurze Zeit später verließ sie die

Wohnung. Derweil lag ihre Post unbeachtet auf dem überfüllten Küchentisch. Hätte sie je den Mut aufgebracht, die Kuverts zu öffnen, hätten diese ihr Aufschluss über ihre finanzielle Lage gegeben.

Als sie zurückkehrte, war sie so mit sich selbst beschäftigt, dass sie vergaß, Flippers Futternapf zu füllen. Stattdessen sah sie fern.

Am nächsten Morgen pferchte sie ihre Malutensilien in die Abstellkammer.

Während sie das Geschirr spülte, läutete es an der Tür – Emma kam, um die Staffelei zu holen, die sie letzte Woche an Tessa verliehen hatte.

Tessa kam nicht umhin, ihre Freundin um Rat zu bitten. „Du wirst deinen Eltern wohl reinen Wein einschenken müssen. Ich weiß, dass es schwierig für dich wird, aber es gibt keinen anderen Weg.“ Emma blieb nicht lange, weil sie auf Katzenhaar allergisch reagierte.

Gegen Mittag erwartete Tessa die Ankunft ihrer Eltern. Innerlich beklagte sie sich über die kleine Wohnfläche, die für das Auf- und Abgehen nicht geeignet war. Einen klaren Gedanken zu fassen, vermochte sie nicht, deshalb wusch sie sich die Haare. Ihre Aufregung trieb sie dazu, die ungeöffneten Briefe durchzusehen. Sie wollte ihren Augen nicht trauen, betrachtete den Umschlag von allen Seiten, denn der Absender war

das Kultusministerium. Sie riss den Umschlag auf und überflog die Zeilen. „Stipendium, und neunhundert Euro pro Monat.“ Tessa jubelte, legte das Schreiben vor sich hin und wartete mit steigenden Herzpochen auf die Ankunft ihrer Familie. Inzwischen schlich Flipper durch das Wohnzimmer und hinterließ eine Spur aus zitronengelben Pfotenabdrücken.

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