tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Schreiben
Schreiben, während die Tage
die Stunden wie Schatten fliehn
während sie zittert, die Waage
Gewichte nach unten ziehn.
Schreiben, während die Füße
dich schmerzen, der Blick sich trübt
Herz sich dir dreht am Spieße-:
zu tief hast du geliebt.
Schreiben, während die Körner
verrinnen im Stundenglas
du senkst den Nacken, die Hörner
die Geier sich sammeln zum Fraß
Schreiben, was schert dich die Wende
schreibst für ewige Zeit.
bleibt auch nur Asche am Ende
entsteig ihr, ein Phönix, befreit.
Ernst-Edmund Keil
in "Notwendigkeit". Cenarius-Verlag, Hagen
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„Wohin wollen Sie?“
„Wir wollten nach Berlin rein, einfach so. Ist das nicht erlaubt?“
„Nein, das ist nicht erlaubt. Sie brauchen eine Einladung oder eine spezielle Aufgabe im Rahmen der Katastrophenbekämpfung. Ansonsten müssen wir Sie in Ihrem eigenen Interesse bitten, das Chaos nicht zusätzlich zu vergrößern und umzukehren. War das verständlich oder muss ich es in kurzen Sätzen für Lehrer und Analphabeten wiederholen?“
Der Uniformierte lachte laut über seinen Witz, und Sonja verkniff sich die Antwort.
Als sie außer Sichtweite waren, schimpfte ich: „So ein Arschloch! Fand er das komisch? Obs hier einen Umweg gibt? Halten Sie bitte mal an!“
„Denk da nicht dran! An den anderen Wegen werden auch Kontrollen stehen.“ Sonja sah richtig froh darüber aus.
„Tja, Frau Zarge, wann war unser letzter Wandertag?“ Ich lehnte mich zurück, hatte die Arme verschränkt. „Wir schaffen den Rest auch zu Fuß.“
Die Antwort war natürlich klar. „Vergiss es! Ich habe für euch die Verantwortung. So gefährlich, wie das hier ist, muss ich euch sicher wieder zu Hause abgeben.“
„Wenn das hier so gefährlich ist, dann kommt es auf ein paar Tage früher oder später auch nicht an. Dann sterben wir sowieso bald.“
Sonja erwiderte nichts. Ich schwieg. Was sollte ich weiter sagen? Die anderen schwiegen auch. Die Zarge hielt es für nötig, uns alle direkt bei unseren Eltern abzugeben. Das war am sichersten. Bei Jule und mir war niemand da. „Ich hab einen Schlüssel“, murmelte ich. „Auf Wiedersehen.“ So verschwanden wir allein in unseren Wohnungen. Sonja hatte ein schlechtes Gefühl, aber sie konnte uns schließlich nicht zu sich nach Hause nehmen. Und beaufsichtigen. Wir waren doch fast sechzehn.
Am nächsten Morgen hatte Sonja Zarge in der 10 b Deutsch. Unsere beiden Plätze waren frei. „… Weiß einer von euch, wo sie stecken?“ Niemand wollte etwas gehört haben. Eines war der Zarge ja klar: Vor den Tropfen abhauen und mich nicht abmelden, das passte nicht zu mir...
Am Nachmittag stopfte sie ihren Wochenendeinkauf ins E-Car. Was hatte ich auf der Rückfahrt gesagt? „…dann kommt es auf ein paar Tage früher oder später auch nicht an. Dann sterben wir sowieso bald.“ Immer wieder ratterten die Sätze durch ihr Gehirn. Hanna und Nanette waren längst eingeschlafen, da griff sie zum Videofon.
Ausgerechnet mein Vater, auf den ich schon seit Jahren nicht mehr hörte, wollte eine Strafpredigt halten, kaum, dass sich die Zarge vorgestellt hatte. „Was haben Sie nur angestellt? Nennen Sie das aufpassen? Müssen Sie das nicht als Lehrerin? Wenn Marie was passiert, … Ich mach Sie fertig! Sorgfaltspflicht – haben Sie schon mal was davon gehört? …“
Sonja kam kaum zu Wort. Nachher ärgerte sie sich besonders, dass sie sich auch noch zu rechtfertigen versucht hatte. Sie habe uns schließlich in unseren Wohnungen verschwinden sehen. Was hätte sie denn noch machen sollen? Ein Kindermädchen anstellen? Doch eines wusste sie nun sicher: Wir waren nicht zu Hause.
Sonja grübelte, ob sie alles unternommen hatte, um unseren Ausflug zu den Tropfen zu verhindern. Jens´ Mail fiel ihr wieder ein. Hatte der nicht geschrieben, er sei bei der Polizei in Berlin? Er wohnte nicht einmal weit entfernt. Sie rief ihn an. Er war sofort am Videophon und freute sich.