tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Verknotet
In deiner Rechten trägst
du die Notwendigkeiten
aller Dinge.
Geballt hält deine Linke
Ausschau nach
Wendigkeit in der Not.
Nando Bluschke in Anthologie "Notwendigkeit" im Cenarius-Verlag, Hagen
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Buchholz, Helena Karolina
… „Entschuldige, Jens, aber ich rufe nicht einfach so an. Ich hab Mist gebaut. Zwei von meinen Schülern, Mädchen aus der Zehnten, wollten unbedingt die geheimnisvollen Tropfen mit eigenen Augen sehen, und ich hab es nicht verhindert. Jetzt sind sie unterwegs, ich weiß nicht wie und wo. Eben von Eberswalde nach Berlin.“
„Na, vielleicht machst du dir zu viel Sorgen. Überall sind Sperren. Auf allen Straßen. Die Züge werden auch kontrolliert … Da kommt keine Maus durch. Bestimmt haben sie sie längst zurückgeschickt.“ Jens’ Stimme verriet, dass er der Angelegenheit keine größere Bedeutung zumaß.
„Da kennst du Marie Kutasi aber nicht. Was die sich in den Kopf setzt, das zieht sie auch durch. Bitte, ich möchte nicht schuld sein, wenn den beiden was passiert!“
Inzwischen schien Jens etwas eingefallen zu sein. „Gut. Also wie heißen die beiden. Die eine also Marie Kutasi und die andere?“
„Julia Lochmann.“
„… Lochmann. Also ich geb sie als vermisst weiter. Aber versprich dir nicht zu viel davon. Bei dem Chaos, das zurzeit in Berlin herrscht, fallen zwei Schülerinnen schwerlich auf. Soweit möglich hänge ich mich persönlich dahinter. Wenn ich dich schon mal an der Leitung habe: Wie schauts aus? Willst du mich nicht endlich mal besuchen kommen? Je eher, desto besser. Am besten gleich am kommenden Samstag; da habe ich planmäßig frei. Das muss nach fünf Doppeldiensten auch mal sein. Versprechen kann ich natürlich nichts. Hier ist Druck noch und nöcher. Aber uns würde eine Ablenkung bestimmt gut tun … Wann warst du das letzte Mal so richtig auf dem Land?“
Von wegen Ablenkung … Sonja ahnte, dass da mehr dahinter steckte. „Ja, ich komme. Dieses Wochenende passt sogar gut. Du ahnst ja nicht, wie erleichtert ich bin, mit jemandem wie dir sprechen zu können.“
„Was bin ich denn für einer?“
Sonja versuchte, auf den lockeren Ton einzugehen. „Na, zumindest kein Lehrer.“
„Also komm! Versprechen kann ich aber nichts. Wenn ich doch Dienst machen muss, erfahr ich das erst kurz vorher. Die Ätzer – Du verstehst …“
Sina und Leonie kamen in Jens´ Zimmer. Sie blieben stehen, sagten kein Wort, sahen ihren Vater an, als wollten sie in ihn hineinsehen. Ihm wurde irgendwie komisch zumute. Er wusste plötzlich nicht mehr, woran er gerade gedacht hatte. Kaum war die Verbindung mit Sonja beendet, suchte er hektisch die Unterlagen über seine Schwurfreunde zusammen. Warum hatte er alles schleifen lassen? Wenn die Entwicklung so weiterging wie im Moment, dann würde bald keine Polizei Europas den tatsächlichen Aufenthaltsort irgendwelcher Bürger mehr wissen – oder es gab keinen Aufenthaltsort mehr. Jens merkte nicht einmal, dass die Zwillinge den Raum wieder verlassen hatten.