tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
J. Ludwig, Der Rasenkrieg (Schluss)
Axel konzentrierte sich auf die Schlacht, denn die Karnickel hatten ihm den Krieg erklärt: Den Rasenkrieg. Nicht etwa, dass diese freundlichen Tiere Schaden angerichtet hätten, aber sie hatten sich über sein Verbot, den Rasen nicht zu betreten, in bösartiger Absicht hinweggesetzt. Axel errichtete einen Wachturm mit Suchscheinwerfern und hatte von Luftgewehr auf Schnellfeuerwaffe umgerüstet, aber er bekam keines der Viecher vor die Flinte.
Die morgendlichen Kotspuren jedoch bewiesen ihm den Verstoß gegen das Kruschke-Gesetz und brachten sein Blut in Wallung.
Durchtrieben, wie Axel war, vergrub er in einer Nacht- und Nebelaktion Tretminen, um die verhassten Feinde endgültig zu besiegen. Nicht eine Explosion riss ihn aus dem Schlaf, aber als er gerade seinen grauen Kittel (es war Ostern) überstreifte, sah er die Kaninchen in Scharen auf seinem Rasen. Ohne zu überlegen griff er nach dem Gewehr und rannte los. Er kam nicht allzu weit, denn eine laute Explosion deutete darauf hin, dass eine Mine explodiert war.
Nur war es Axel, der darauf getreten war.
Da lag er nun im Krankenhaus, beide Beine amputiert und auch im Gesicht übel zugerichtet und hatte jede Menge Zeit, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Als ihm die Krankenschwester in das verkrüppelte Ohr schrie, der Oberbürgermeister wollte ihn gleich besuchen, nahm er selbst ohne Beine und im Liegen Hab-Acht-Stellung ein.
„Na, mein lieber Kruschke, ich denke, jetzt haben Sie Ihre Lektion gelernt, nicht wahr?“
Axel lächelte glücklich, griff nach einem Prospekt und zeigte es stolz dem Stadtoberhaupt. „Ja, ich habe mir schon einen Rollstuhl ausgesucht. Sehen Sie einmal hier: Modell Partisan, voll geländefähig und mit Raketenwerfern ausgerüstet. Diesmal geht es dem Karnickelpack an den Kragen. Zwar habe ich eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg. Der Endsieg, das ist mein großes Ziel!“
Der Oberbürgermeister verdrehte die Augen und fiel ihn Ohnmacht.
„Was für ein Weichei,“ dachte Axel und las ungerührt weiter in seinem Prospekt.
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Und wenn doch, dann stießen wir bei ihrem Ausflug rechtzeitig auf Sperren, an denen man uns aufhielte. Wir kämen also nie in die tatsächliche Gefahrenzone. Die Zwillinge gäbe sie besser bei Frau Holzmann ab, am besten mit dem Hinweis, sie möge sie auch schlafen legen.
Zehn vor drei klingelte es.
„Mehr werden wir nicht“, erklärte ich. Dabei machte ich eine Handbewegung, dass sie uns alle einmal ansehen konnte. „Milter hat abgesagt. Seine Eltern erlauben ihm nicht mitzukommen. Da ist eben mehr Platz im Car.“
„Und eure Eltern?“ fragte Sonja.
„Mein Vater kann mir nichts verbieten.“ Blöde Frage! Ich schob den verklemmten Gerd auf den Platz neben der Zarge und klemmte mich hinten zwischen Jule und Fricke.
Sonja betrachtete mich im Rückspiegel. Meine dunklen Haare hatte ich zu einem Knoten zusammengesteckt. Das betonte das etwas zu breite Gesicht extra. Ob mir das mal jemand gesagt hatte? (Sie hat mir später erzählt, dass sie genau das gedacht hatte. Und dass sie mir eigentlich als Tipp so unter Freundinnen davon abraten wollte. Was sie damit ja gemacht hatte.) Wahrscheinlich hätte ich das dann erst recht so gemacht. (Wie Recht sie doch hatte!) Außerdem trug ich ein leichtes Kleid mit weit ausgeschnittenem Dekolleté. Ausgerechnet jetzt? Das war Sonja dann doch zu hoch, dass ich das anzog, gerade wegen diesem Ausgerechnet-jetzt…
Sonja erwischte sich dabei, dass sie krampfhaft nach etwas suchte, das sie beobachten und bewerten konnte, nach etwas, was sie vom eigentlichen Ziel des Ausflugs ablenkte.
Uns anderen ging es nicht viel besser. Auf den ersten dreißig Kilometern beguckten wir alle schweigend die Landschaft, als hätten wir noch nie Wald gesehen. Alle versuchten, etwas betont Lässiges zu sagen.
Die Strecke in Richtung Berlin war völlig frei, selbst in Gegenrichtung begegneten uns nur wenige Fahrzeuge. Und wenn, waren sie hoffnungslos überladen. Ringsum flog Landschaft vorbei, mit viel Wald auf schnelle Erholung getrimmt.
„Kaum zu glauben, dass innerhalb von vier Tagen die meisten Berliner weg sein sollen.“ Julia hielt es nun doch nicht aus. Sie musste etwas sagen. Etwas zu Berlin eben.
„Ein Teil vielleicht“, antwortete Sonja. „Die in unmittelbarer Nähe wohnen sicher. Und die sich den schnellen Urlaub leisten können. Ich denke, dass selbst viele Hellersdorfer nur in anderen Berliner Bezirken notdürftig untergebracht auf die Entwarnung warten. Bisher ist doch noch nie so etwas passiert. Alles, was wir aus der Geschichte kennen, ist schnell wieder beherrscht worden.“
Ich sah nach draußen, ließ die Alleebäume vorüber fliegen, aber in Gedanken stellte ich mir so einen Berliner vor. „Da hast du nun eine Wohnung mit viertausend uralten Büchern und lauter geliebtem Krempel und plötzlich sollst du das alles verlassen. Futsch für immer. Na, ein Glück: Ich hab solche Probleme nicht.“
„Stimmt. Ihr habt gar keine Bücher.“ Wahrscheinlich wollte Gerd einmal witzig sein. Ich verpasste ihm einen Haken in die Seite, da bremste Sonja. Wir waren am Ortsausgang von Biesenthal in Richtung Berlin angekommen. Vor uns eine Straßensperre. So ein verunglückter Supermann beugte sich zum Seitenfenster.