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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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DREI - Nummer 17


Ein Höhlengleichnis

Sokrates:
Versuch’ dir bitte einmal auszumalen,
was ich im Folgenden beschreiben werde:
Ein Pulk von Menschen sitzt in einer kahlen
und dunklen Höhle auf der harten Erde.
Sie sind gefesselt und bewegungslos
und starren unentwegt geradeaus,
ihr Drang sich zu bewegen ist nicht groß
und niemand fragt: „Wo geht es hier hinaus?“
Und hinter diesen ganzen Menschen steht
– mit einer dicken Rolle Film bespannt –
ein Apparat, durch einen Stein erhöht,
und wirft bewegte Bilder an die Wand.

Glaukon:
Recht seltsam scheint mir das und wunderlich,
fast sagte ich: Mich ängstigt dieser Ort.

Sokrates:
Das kann ich gut versteh’n, drum setze ich
nun die Erläuterung zur Höhle fort:
Die Menschen tragen rosarote Brillen,
durch welche sie an Wänden Filme sehen
und diese Unterhaltung stoppt den Willen,
den Blick zu wenden oder aufzustehen.
Sie amüsieren sich auch gar nicht schlecht
und mögen Vieles, was die da betrachten.
Man fragt sich: Halten sie den Film für echt
und würden jedes Bild für wahr erachten?

Glaukon:
Oh Sokrates, das lässt sich sicher sagen:
Natürlich halten sie den Film für wahr.

Sokrates:
Und sollte es dann doch mal jemand wagen,
auf Risiko und eigene Gefahr
die rosarote Brille abzunehmen
und sich womöglich auch noch umzudrehen –
ständ’ dieser Mensch dann wirklich vor Problemen,
würd’ er den Apparat samt Filmen sehen?

Glaukon:
Er wäre – positiv gesagt – erstaunt,
doch treffender ist hier das Wort „geschockt“.

Sokrates:
So bleibt der Mensch vermutlich missgelaunt,
wenn er noch länger in der Höhle hockt,
da er inzwischen ja verstanden hat,
dass er hier drinnen vor der Wahrheit flieht
und – wie die ander’n Menschen auch – anstatt
der Wahrheit nichts als bloße Bilder sieht.
Er will in dieser Höhle nicht verwesen;
entschlossen kann er bald sich überwinden,
die Beine von den Fesseln loszulösen,
die ihn so stark an diese Höhle binden.
Doch hofft er, dass sich all der Aufwand lohnt,
denn er hat große Schmerzen zu ertragen.

Glaukon:
Wohl wahr. Er ist Bewegung nicht gewohnt.

Sokrates:
Er zwingt sich aber selbst, nicht laut zu klagen
und er erreicht mit Mühe irgendwann
den Höhlenausgang, wo er Sonnenlicht
zunächst nur unter Schmerzen sehen kann;
die neue Helligkeit erträgt er nicht.
Doch eine Zeitlang später sieht er klar,
was die Natur hier draußen präsentiert:
er nimmt Vergiftung und Zerstörung wahr,
wodurch er rasch die Freude dran verliert.
Zwar tun ihm seine Beine nicht mehr weh,
doch ist sein Bauch mit Ärger angefüllt;
er kommt an einen ölverschmutzten See
und er erkennt darin sein Spiegelbild.
Bei diesem Anblick fasst er neu Vertrauen,
sieht ein: er hat sich viel zu oft gesträubt,
der Wahrheit einfach ins Gesicht zu schauen
und hat sich in der Höhle bloß betäubt.
Hier draußen wartet eine große Welt,
die jede Menge Energie versprüht,
die Leben schenkt und die den Geist erhellt,
sobald sich endlich wer um sie bemüht.
Und schließlich fängt er an zu überlegen:
Wie ließe die Verödung sich verhüten?
Denn würde man hier draußen alles pflegen,
so wär’s an Schönheit kaum zu überbieten
– ein menschenwürdiges und hübsches Land.
Was glaubst du? Bleibt der Mensch für immer da,
hat er am Höhlenausgang das erkannt?

Glaukon:
Oh Sokrates, ich würde sagen: Ja.

Sokrates:
Nicht ganz. Es juckt ihn bald zurückzugehen,
er will den ander’n zu verstehen geben:
„Ihr solltet euer Spiegelbild mal sehen!
Ihr dürft nicht ewig in der Höhle leben!
Die Wahrheit aus den Augen zu verlieren
ist ignorant, verachtenswert und dumm!“
Wie werden dann die ander’n reagieren?
Was meinst du Glaukon? Bringen sie ihn um?


Michael Feindler

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Aus "Das Leben riecht nach Meer":
K. May,
Barbaren

auf Gedicht des Tages



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Utopischer Fortsetzungsroman
"Die sieben Kugeln" von Slov ant Gali (22)

Eine abwechslungsreiche Unterrichtsstunde

Sonja Zarge konnte es auch später nicht lassen, zwanghaft schlichtend in Raufereien zwischen Schülern einzugreifen. Jedenfalls wurde sie Lehrerin und „die Zarge“. Sie wollte natürlich im Vergleich zu ihren eigenen Lehrern alles besser machen. Aber dann landete sie, von ihrem Partner mit Zwillingen sitzengelassen in meiner öffentlichen Eberswalder Schule. Also eigentlich landete ich ja bei ihr, und für Uneingeweihte sollte ich noch erklären, dass dieses Eberswalde eine Provinzkleinstadt war, viele Kilometer lang gezogen, nur etwas über 50 Kilometer von Berlin entfernt, aber vielleicht gerade deshalb die ätzendste Ecke im Universum. Eine Strafe, die über die arme Zarge gekommen war mit überfüllten Klassen und genervten Kollegen, deren einzige berufliche Freude zu sein schien, wieder eine Unterrichtsstunde zwischen uninteressierten Schülern hinter sich gebracht zu haben. Bei der Zarge mussten die Schüler zwar nur selten nach vorn sehen. Ansonsten hatte sie sich aber schnell mit den steinzeitlichen Unterrichtsmethoden abgefunden. Vielleicht war sie auch nur zu theoretisch veranlagt für den Lehrerberuf. Sie träumte noch immer davon, wie er eigentlich sein müsste, aber von ihrem anfänglichen Enthusiasmus war kaum etwas übrig.

Für mich reichte es. Manchmal warf sich die Zarge vor, sie wollte nur den Provokationen der Schüler zuvorkommen, aber sie wusste, dass das nicht stimmte. Sehr vage hoffte sie, einen jungen Menschen nach ihrem Ideal zu entdecken und zu fördern. Der sollte die Welt dann so verändern, wie sie es nicht geschafft hatte. Kleiner ging es bei ihr nicht. Und ausgerechnet ich musste das ausbaden.

Marie Kutasi, damals 10 b… Die meisten Lehrer hatten Angst vor mir. Das war schon ganz okay. Aber eigentlich nur, weil sie mich nicht verstanden, was nicht okay war. Die Zarge verstand mich eigentlich auch nicht. Aber sie akzeptierte, dass ich zum Beispiel Kleider und Röcke trug, obwohl ich damit aus dem Rahmen fiel – eigentlich aber eben gerade deshalb. Wenn alle gleich ausgeflippt herumlaufen, ist das doch müde. Und asiatischer Kampfsport war an unserer Schule eben nicht in.

Für die Zarge war ich deshalb jemand, der im Unterricht eine eigene Meinung vertrat und auch nicht umschwenkte, wenn sie oder die anderen eine andere hatten. Die meisten Schüler hatten sich längst angepasst.

Sonja Zarge arbeitete gern mit vernetzten Computersystemen, bei denen jeder Schüler an seinem Platz mitarbeiten konnte und sie sich heimlich bei einzelnen einklinkte, um Leistungen und Mitarbeit zu bewerten. Damit biete sie eine Art Muster der Gesellschaft im Kleinen, hatte sie in einer Stunde erklärt. Wenn jeder ordentlich mitarbeite, kanns ihm doch egal sein. Nur wenn er etwas Unerlaubtes mache, müsse er befürchten, ins Visier der Überwachung zu geraten. Das sei doch gut. Alle nickten solche präventive Verbrechensbekämpfung ab.

„Was?“ hatte ich entsetzt gerufen. „Sie finden das gut? Na, ich nicht! Wenn ich mich nur sicher fühlen kann, weil mich ständig heimlich jemand beobachtet, dann verzichte ich. Und Sie sind auch noch stolz drauf! Ist ja widerlich! Kuscher und Kriecher! Und so ist dieser Staat?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich abwartend in der Klasse um. Nichts als Gesichter, die der Zusammenbruch der Schulstunde freute. „Was muss das für eine Gesellschaft sein! Keinem traut man und vielleicht kann man auch niemandem trauen? Lauter Staatsfeinde oder Verbrecher? Da ist wohl was falsch gelaufen! Also wenn das unser Staat ist, muss ich wohl auswandern.“

Daraus wuchs dann noch eine richtig interessante Stunde.

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