tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
In dem unansehnlichen Wohnklotz aus den Sechzigern, der zwanzig Mietparteien beherbergte, herrschte Zucht und Ordnung. Garant für ein zivilisiertes, wenn auch kontrolliertes Zusammenleben verschiedener Menschen war niemand geringerer als Axel Kruschke, der Hausmeister. Den deutschen Werten von Pflichtgefühl und Ordnungsliebe hoffnungslos verfallen achtete er minutiös auf die Einhaltung der Hausordnung, die er in jedem Stockwerk gut lesbar ausgehängt hatte und die mittels einer Wasserwaage ausgerichtet war. Kruschke, soeben zweiundfünfzig Jahre alt geworden, maß knapp Einsfünfundsechzig. Das spärliche Haar hatte er dank Mittelscheitels symmetrisch angeordnet. Wochentags trug er einen blauen Arbeitskittel, an Sonn- und Feiertagen bevorzugte er das graue Modell. Ihn einen Menschenfreund zu nennen, wäre zu viel gesagt, ebenso beschränkte sich seine Tierliebe auf Sardinen in Dosen. Überhaupt lebte der Junggeselle eher zurückgezogen, denn als Hausmeister hatte er sich nicht mit dem vulgären Mieter einzulassen.
Er liebte Marschmusik und das einfache Prinzip von Befehl und Gehorsam, achtete darauf, dass der Ausländeranteil im Haus nicht über 5 % (inklusive Besuchern) lag und hatte seine Kellertür in den Farben der Reichskriegsflagge angepinselt. Ihn einen Neonazi zu nennen, wäre zu viel gewesen, denn nach nur acht Jahren Schulbesuch (Inklusive einer Ehrenrunde) wusste er doch eins: „Hitler hat ganz schlimme Dinge gemacht.“ Na also! Dann fügte er voller Inbrunst an: „Aber es gab in den Häusern keinen Abschaum. Und das war gut so.“
Sicher konnte man da anderer Meinung sein. So zum Beispiel der Geschichtslehrer aus dem ersten Stock, der ohne Trauschein mit einer Dänin und Kind zusammen lebte. Kaum hatte Axel das spitz bekommen, ließ er die Hausordnung ins Dänische übersetzen, damit die gute Frau sich bei entsprechenden Verstößen nicht heraus reden könnte. Handschriftlich vermerkte er:„Wenn Sie hier leben wollen, sollten Sie die Kultur und Sprache des Gastlandes erlernen.“
Als ihm der dazugehörige breitschultrige Mann bei nächster Gelegenheit den Zettel an die Stirn klebte und androhte, bei der nächsten Frechheit würde er ihm die Schmiererei an die Stirne nageln, sann Axel auf Rache. Einen Tag später hatte er seine große Chance. Diese Wirtschaftsasylantin, die nur das deutsche Kindergeld abkassieren wollte, hatte den Kinderwagen unerlaubterweise im Hausflur abgestellt. „Oh, das hat Folgen!“ Axel rieb sich die Hände und rief auf der Polizeiwache an. Nachdem er dem Beamten sein Anliegen vorgetragen hatte, musste sich Axel folgendes anhören: „Sind Sie besoffen oder was? Ein nicht zulässig abgestellter Kinderwagen und Sie wollen, das wir den abschleppen lassen?“
Axel war sauer. „So seid ihr von der Bullerei. Kaum, dass ein deutscher Bürger eure Hilfe braucht, sieht man nichts von euch.“ Die Anzeige wegen Beleidigung nahm Axel gelassen hin und schrieb einen Protestbrief an den Oberbürgermeister, in dem er sich als politisch Verfolgter darstellte.
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An diesem Vormittag, fünf Tage nach Rahmans Todessprung, von dem ich natürlich noch nichts wusste, hatte die Zarge vom Lehrerzimmer aus kontrolliert, wie viele Schüler das Startbild der geplanten Stunde aktiviert hatten. Ich hatte. Zilly, Fiete, insgesamt zehn. Wir waren noch nicht mit unsren Eltern auf der Flucht. Seit zwei Tagen blieben immer mehr dem Unterricht fern, meist unentschuldigt, weil ihre Familien wegen dieser seltsamen Sikroben zu entfernten Verwandten oder in Spontanurlaub flüchteten.
Sonja blieb noch einen Moment auf dem Flur vorm Klassenraum stehen. Atmete durch. Lehrerzimmermief wegblasen. Kein anderes Thema als die Berliner Katastrophe. Was sollte das für ein Unterricht werden, wenn sie andauernd an die angeblich bevorstehende Evakuierung der Schule dächte? Als sie endlich die Tür öffnete, saß die Klasse wie erstarrt da. Es war totenstill. Hatte sie etwas verpasst? Eine heiße Diskussion? „Um euch einen guten Morgen zu wünschen, ist es etwas spät. Aber um sich mit dem deutschen Wirtschaftssystem nach der Jahrtausendwende zu beschäftigen, ist es genau die richtige Stunde. Insofern wundere ich mich, warum nicht alle das Thema aufgerufen haben. Oder gibt es etwas Anderes, das wir jetzt diskutieren sollten?“ Sonjas Blick schweifte durch die Reihen.
Zilly hob lässig seine Linke: „Marie war gerade philosophisch. Das passt nicht zu Ihrer Stunde. Aber wir können nicht so schnell umschalten.“
„Das wird sich noch zeigen“, antwortete die Zarge lächelnd. „Wir können auch philosophisch sein. Warum denn nicht? Worum geht es?“
Zilly erwiderte ihren Blick und noch drei andere. Ich sah nach vorn; wie so oft zog ich dabei die Schultern nach hinten. Der Rest der Klasse sah weg.
„Sie können ja nichts dafür. Sie sind Lehrerin. Sie müssen uns ja beibringen, dass alles so richtig ist, wie es ist. Aber wenn wir Menschen …“ Ich stockte kurz. Wobei mir eigentlich so echt starke Volksreden locker über die Lippe kamen. „…wenn wir Menschen uns so sehr an der Natur vergehen, sie vergewaltigen, dann brauchen wir uns ja nicht zu wundern: Irgendwann rächt sie sich, die Natur oder Gott oder so. Wir tun, als wäre nichts, und längst laufen die letzten Tage der Menschheit. Sollen wir uns jetzt vielleicht freuen, wie klug Deutschland sich solcher neuen Zeit angepasst hat? Morgen oder übermorgen ist es nur noch ein Fleck Pampe auf der Weltkarte und wir sind harter Fliegendreck. Ein paar Tage später Europa und der Rest. Jetzt rächen sich die Fehler unserer Urgroßeltern. Verstehen Sie? Natürlich verstehn Sie. Sie haben ja selbst davon erzählt. Warum sollen wir hier noch Unterricht machen, als wäre nichts?“
Zilly klatschte Beifall. „Machen wir Schluss!“
„Marie, als ich das mit der Rache der Natur gesagt habe, da habe ich eher an Regenwald und Umweltschutz und den Raubbau an den Reichtümern dieser Erde gedacht.“
„Umweltschutz ist gut. Wir sollten uns vor dieser Schule schützen!“ Zilly verzichtete auf keine Chance, nach Lachern zu fischen – nicht einmal bei der Zarge.