tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
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Allein die Frage, ob es überhaupt vorstellbar sei, dass bei normaler Außentemperatur Kernumwandlungen abliefen, füllte viele Talkshows. Nur eines bezweifelten inzwischen die wenigsten: Den Großteil Berlins würde man evakuieren müssen. Natürlich nur rein vorsorglich und damit die notwendigen Gegenmaßnahmen ergriffen werden konnten.
Evakuierungen hatte es seit Generationen nicht mehr gegeben. Und jetzt gleich ein ganzes Wohngebiet! Die meisten Menschen wollten natürlich in Berlin bleiben. Sie rechneten fest mit einer schnellen Lösung des Problems.
Diese Hoffnung verging ihnen innerhalb der nächsten drei Tage. Zwar umfasste der Katastrophenherd noch immer nur das eine Wohngebiet, aber er breitete sich stündlich schneller aus. Notfallsitzungen wurden einberufen. Nicht nur der Berliner Senat berief eine Kommission, die über den möglichen Fortgang der Katastrophe und das „wir müssten etwas tun“ bzw. „wir müssen zeigen, dass wir der Lage gewachsen sind“ allerdings nicht hinaus kam. Für ganz Mitteleuropa wurden eine Parlamentskommission und ein Operativstab zur Sikrobenbekämpfung ins Leben gerufen. Diese erarbeiteten Notfallpläne. Zumindest einige Bürger beruhigte das.
In Berlin betrieb man praktische Geometrie: Für einen Umkreis von zehn Kilometern um den Ausgangsherd wurde die Evakuierung der Bevölkerung vorbereitet, als erster Schritt ein Innenkreis von vier Kilometern Durchmesser durch die Einsatzkräfte geräumt und an dessen Grenze ein hundert Meter breiter Grenzstreifen eingeebnet, Platz geschaffen für die normalste Lösung aller offenen Fragen: die Armee. Bisher war der Katastrophenherd von der Größe her insgesamt noch überschaubar. In seiner Mitte tat sich gar nichts mehr, an den Rändern tobten die Sikroben. Also immer raufgehalten mit allen Rohren. Sollten andere nachdenken, ob sie ein geeigneteres Mittel zur Neutralisierung fänden. Bis dahin hätten EADS & Brüder das Problem wohl längst gelöst. Wenn man die Ätzer von allen Seiten beschoss, hinderte man sie, neue Nahrung zu erreichen, denn auf ihre harten Brei-Exkremente gedrängt mussten sie verhungern; wenn nicht, dann bremste man wenigstens ihre Ausbreitung und gewann Zeit für Forschungen. Nur eine tote Sikrobe war eine gute Sikrobe.
Luftaufnahmen des Geländes rund um den ehemaligen U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord zeigten eine ebenmäßig braune Fläche. Beinahe schön. Na gut. Einige private Notunterkünfte fehlten noch für die Menschen, die dort zuvor gewohnt hatten, und es gab ein paar Verkehrsbehinderungen. Aber „…unsere Soldaten haben die vorgesehene Einsatzlinie erreicht. … innerhalb von vier Tagen relative Ordnung hergestellt.“ Das sagte der Einsatzleiter und dass zehntausende Helfer rund um die Uhr im Einsatz seien.
Natürlich war diese Ordnung eine sehr relative, so in dem Sinn, dass kaum Kaufhäuser und Läden geplündert wurden und die Staureibereien glimpflich abgingen. Glück hatten die Berliner, die Verwandte oder Bekannte einige hundert Kilometer entfernt besuchen konnten. Die verfolgten die Filmberichte von Staus und Prügelorgien am Rande der Flüchtlingstrecks fast schon wieder entspannt. Das lag hinter ihnen. Die jetzt in Berlin und Umgebung arbeiten mussten, waren doch zu bedauern.
Es gab aber auch Menschen, die fast normal weiterlebten, mit wachsender Entfernung zum Katastrophenherd immer mehr…