tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
21. Geheime Zahlen
Das Zwergophon, das mir Mannox überlassen hatte, schrillte laut auf.
Kaum hatte ich das Gespräch entgegen genommen, vernahm ich den Jubelgesang von Dreadlock.
„Jungs, das habt Ihr prächtig gemacht.“
Ich starrte auf die technische Finesse aus der Großen Schmiede der Zwerge.
„Woher weißt du, dass wir erfolgreich waren?“
„Auf dem Bildschirm, unserem Overday-Scanner, ist der Maurer verschwunden.“
Ich erklärte Climbimbus die Neuigkeiten.
„Und was ist mit uns? Wir hätten mit draufgehen können?“
„Dann wäret ihr beiden auch nicht mehr auf dem Schirm.“
„Und dann?“
„Hätte ich einen Trauermarsch intoniert.“
„Tanzt man auf Beerdigungen?“ Ich war leicht empört.
„Eigentlich auf mehreren Hochzeiten, wenn man einen guten Roadmanager hat.“
Climbimbus saugte an seinem Zigarillo und zählte die noch nicht vorhandenen Geldscheine, sozusagen sein Drittel.
„Daher kommt der Ausdruck?“
„Ja, aus dem echten Leben. Es heiraten nie alle Zwerge am gleichen Tag und zur gleichen Zeit. Deshalb kann man auch auf mehreren Hochzeiten tanzen.“
Ich war perplex. „Wenn ich je an einer direkten Verbindung zwischen Menschen und Zwergen gezweifelt habe, so nehme ich dies hiermit zurück.
Seid ihr den abergläubisch? So Dinge wie die unglückliche Dreizehn?“
Mannox hatte sich eingeschaltet: „Wolf, du kennst die Antwort.“
Was für mich persönlich die Achtundvierzig, war in Geheimdienstkreisen die Dreiundzwanzig.
Teilt man nämlich zwei durch drei, erhält man nach der alten Geheimformel nichts anderes als sechshundertsechsundsechzig. Die Null und das Komma fallen weg. Dreiundzwanzig Köpfe umfasste das Gremium, indem die Dunkelelfen beschlossen, die Welt für sich zu erobern.
Dreiundzwanzig ist das Zeichen. Im Fußball zählt die Dreiundzwanzig zu den wichtigsten Ziffern. Zweiundzwanzig Spieler und ein Schiedsrichter (Linienrichter werden ersatzlos gestrichen in der Mythologie der Grausamen Mathematik). Dreiundzwanzig. Nicht die Dreizehn.
Warum war ein kritischer Papst mit der Dreiundzwanzig versehen worden?
Warum hatte nicht einer von ihnen einfach einen anderen Namen gewählt und neu zu zählen begonnen? Vielleicht waren es ja wirklich nur ökonomische Gründe, denn jeder Papst soll angeblich sechsundvierzig Handtücher besitzen, auf denen der Name gestickt ist. Durch die Notierung in römischen Ziffern ist nach dem Tode des Fünften (V) schnell eine Sechs (VI) daraus gemacht. Solche Stickereien sind nur wirklich einfach zu handhaben.
Während ich darüber sinnierte und dies dann Climbimbus als Theorie unterbreitete, stand dieser Ex-Bulle aus Duisburg wieder einmal in Tangaslip und Cowboystiefeln, aber in Kampfjacke, im Büro:
„Hat einer von euch vielleicht ‚ne Koppschmerztablette? Ging gestern wieder wild her.“
Durch die offene Tür hörte ich das Schreien: „Harry, hast du die Pampers im Auto vergessen? Harry, dann hole schon einmal den Aufnehmer!“
Eine schrullige Engländerin, recht mollig und wohl schon im Rentenalter, stellte sich zu allen Überfluss auch noch als neue Mieterin vor und zitierte Shakespeare. „Sein oder Nichtsein, ich bin Mrs. Marble.“
Und mittendrin Marianne, die sich genüsslich die Zehennägel schnitt.
„Reichlich viel dreiundzwanzig in dieser kurzen Zeit.“
„Wie meinen?“ Was hatte Climbimbus denn jetzt angestellt.
„Die Sache mit dem Vatikan und den Handtücher. Sechsundvierzig geteilt durch zwei ergibt dreiundzwanzig.“
Ich tastete meine Taschen nach Zigaretten ab, aber ohne Erfolg. Marianne fiel aus, denn sie war mit der Schönheitsbehandlung ihrer Zehen in die Phase des Lackierens eingetreten. Miss Marble hatte nur schottischen Whiskey in der geblümten Handtasche und auf die Zigaretten, die mir dieser Ex-Bulle am Automaten ziehen sollte, warte ich heute noch.
Also kümmerte ich mich selbst darum. Wieso war mir nie vorher aufgefallen, dass diese Marke genau dreiundzwanzig Glimmstengel enthielt?
Was aber hatte Shakespeare mit dieser Zahl zu tun?
Miss Marble, Climbimbus und Marianne hatten schon ordentlich den Whiskey probiert, als ich endlich ins Büro zurückkehrte. Warum die alte Lady in Strapsen und BH auf meinem Schreibtisch tanzte, wollte ich gar nicht wissen.
„Tja, Wolf, unsere Miss Marble hat in der englischen Verfilmung von Professor Unrat mitgespielt.“
„Gab es in ihrer Jugend denn schon Zelluloid?“ Okay, das war gemein.
„Ach, junger Mann, Sie werden auch noch erleben, welchen Reiz das Alter hat.“
„Danke.“
„Diese Mrs. Climbimbus ist ja eine reizende Frau.“
„Sie kennen Sie?“ Ich war verdutzt.
„Nein, aber Mr. Climbimbus, dieser Nachfahre guter britischer Pilgrims, hat mir viel von ihr erzählt.“
„Ich denke, seine Vorfahren stammen aus Portugal.“
„Die ja, aber später waren sie Teil des British Empire.“
„Gut. Da haben Sie auch recht. Was aber hat der gute William Shakespeare mit der Dreiundzwanzig zu tun?“
Wie aus der Pistole geschossen die Antwort von Miss Marble: „Geboren an einem Dreiundzwanzigsten, gestorben an einem Dreiundzwanzigsten.“
„Da ist was faul im Staate Dänemark.“ Mariannes Beitrag führte zu Begeisterungsstürmen.
Mittlerweile hatte die britische Lady sich wieder bekleidet. Vielleicht war sie ja so schön gewesen, dass sie den Blauen Engel hatte verkörpern können.
Clever war sie auf jeden Fall.
„Wolf,“ murmelte ich mehr zu mir selbst.
„Ja, was hat das mit der Dreiundzwanzig zu tun? Hast du noch zweiundzwanzig Geschwister?“ kicherte Marianne, aber verstummte sofort, als sie mein versteinertes Gesicht erblickte.
„W ist der dreiundzwanzigste Buchstabe im Alphabet.“
„What?“
„Denken Sie an William.“
„Und sein Stück über Cäsar. Der starb doch durch dreiundzwanzig Messerstiche.“
„Miss Marble möchte noch etwas sagen.“
Sie hustete kräftig. „Wussten Sie, dass statistisch gesehen jeder Raucher dreiundzwanzig Zigaretten pafft?“
Aus dem Zwergophon, das ich noch nicht ausgeschaltet hatte, hörte ich einen Ausruf: „Snowey sagt, dass ihr Spuck erzählt hat, Prinzessin Leia sei in der Zelle AA23 gefangen gewesen.“
„Die aus ‚Star Horse‘?“
„Welcher Spuck?“
„Und von Dreadlock höre ich gerade, dass sich auf jeder amerikanischen Münze dreiundzwanzig Zeichen befinden.“
„Und der ‚Drink-King‘ wohnt Haus Nummer 23.“
Aphrodite schäumte vor Wut. „Ich habe diesen Bulder unterschätzt.“
Ihr Mann liebkoste ihren nackten Fuß, doch diese Zärtlichkeiten ließen die Dunkelelfe kalt. Mit einem kräftigen Tritt in die Zonen der männlichen Hochschmerzempfindlichkeit hatte sie nicht nur ihrer Wut freien Lauf gelassen, sondern war den Kerl für den heutigen Abend los.
„Wir müssen ihn auf unsere Seite ziehen, aber so, dass er es nicht merkt. Ich werde meine erotische Ausstrahlung mit einigen Mitteln hoch puschen. Über kurz oder lang wird er von einem derartigen Verlangen erfüllt sein, dass er zu mir kommt. Oh, er will mich dann besitzen, denn Männer sind so.“
„Was sagst du, Liebes?“ hörte sie die gequälte Stimme ihres Angetrauten.
„Nichts. Du kannst morgen die nächste Aktion starten. Die Bakterien, die wir anno 1955 in Tampa Bay ausprobiert haben, sind jetzt serienreif.“
„Ach, ich dachte, da hätte der CIA seine Finger drin gehabt? Immerhin gab es bei dieser Keuchhustengeschichte zwei Dutzend Tote.“
„Dreiundzwanzig, mein Lieber. Wir sollten die Dinge sehr genau nehmen.“
„Ja sollen denn alle hier sterben?“
Aphrodite schlug sich mit der linken Hand vor die Stirn und hatte eine Beule, denn sie hatte vergessen, den Siegelring an ihrem Finger wieder nach außen zu drehen.
„Nein, du Einfaltspinsel. Wir wollen doch die Binnennachfrage anheizen. Die Epidemie wird abgeschwächt, aber bei den Budgets der Krankenkassen kann sich niemand der Ärzte es erlauben, Bagatellmittel zu verschreiben. Also rennen die Leute in die Drogeriemärkte und kaufen sich unsere Produkte.“
„Und die Ärzte?“
„Die werden wir bei der nächsten Krankheit bedenken. Dann kriegen die Krankenkassen auch noch ihr Geld, denn jeder wird zum Arzt müssen und die Praxisgebühr auf jeden Fall fällig.“
„Dann werde ich bei unserem Schweizer Bankier schon einmal ein Aktienpaket bestellen. Wie heißt die Firma noch?“
„Tampa Bay Glatzo La Ruche IP. Dreiundzwanzig Buchstaben.“
„Und dreiundzwanzig mal dreiundzwanzig mal dreiundzwanzig Prozent Gewinn für mich.“
„Ja, mein Lieber. Und nun gebe endlich Ruhe und lasse meinen Fuß los. Ich sage immer wieder, nehme nicht so viele von diesen blauen Violatabletten.“