tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
16. Aktion AIA
Hans Eichenlaub, ein gedrungener Mann in grauem Anzug und dem Gesicht eines Dorfschullehrers, hatte seine Vertrauten in den Konferenzraum der „Geheimen Einnahme Gesellschaft” eingeladen.
Die Tische waren in der klassischen Hufform aufgestellt, freundliche Damen verteilten die Unterlagen und der Assistent, ein gewisser B. Reuer, im Nadelstreifenanzug, rückte seine Brille zurecht. Er bediente den Tageslichtprojektor und sollte die Ausführungen seines Chefs begleiten. Sein Wahlspruch war: „Alles, außer Peanuts.“
Ein Gong rief die Konferenzteilnehmer zusammen, die zuerst nach den Getränken und Schnittchen griffen, bevor sie die Akten aufschlugen. Um dem allgemeinen Gemurmel ein Ende zu machen, rief Hans Eichenlaub in den Raum: „Jetzt hört einmal, wie laut ihr seid.“ Ein Trick aus der Pädagogenkiste, denn Hans hatte nicht nur ein Dorfschullehrergesicht und dessen Manieren, er war auch viele Jahre ein solcher gewesen. Tatsächlich war
Ruhe.
„So, wir kommen heute zusammen, um die Erfordernisse eines ökonomisch sinnvollen Staatsgebildes neu zu definieren. Was nutzt es uns, Exportweltmeister zu sein, wenn die Binnennachfrage so gehemmt ist. Der Sparwahn wird endgültig zu Ende sein, die Macht der Gewerkschaften gebrochen und die Rente mit Achtzig eingeführt. Vorher jedoch wollen wir schon unsere ‚Schnelle Eingreiftruppe‘ ausbauen.“
Er nickte Reuer zu, der die erste Folie auflegte.
Ein Raunen machte sich unter den Teilnehmern breit. Alles starrten wie gebannt auf die Leinwand, denn dort war ihr Feindbild zu sehen.
Das Sparschwein.
„Ich bitte um Ruhe!“ schrie Hans Eichenlaub.
Dann fuhr er mit gesenkter Stimme fort, wobei er sich nervös an der Krawatte zupfte: „Natürlich ist der Anblick unseres Erzfeindes kein Vergnügen, aber wir müssen der Realität ins Auge sehen. Wir sind es uns schuldig, verstehen Sie?“
Er wandte sich Reuer zu: „Die nächste Folie, bitte.“
Wieder herrschte Unruhe unter den Teilnehmern, denn für alle gut sichtbar war ein Kühlschrank aus den Siebzigern zu sehen, der den Untertitel trug:
Seit fünfunddreißig Jahren im Haushalt der Familie Müller.
„Sehen Sie, was ich sehe? Ja, der Herr vom ‚Videa-Markt‘.“
„Wie kann man denn Produkte mit solch einer Haltbarkeit verkaufen? Gibt es dagegen kein Gesetz?“
Beifälliges Murmeln und Hochrufe!
„Sie haben es erkannt, dies ist ein Grund mit, warum wir zu drastischen Mitteln greifen müssen. Produkte, die eine Ewigkeit halten, Bürger, die an Althergebrachtem kleben wie Fliegen an der Wand, aber auch die Industrie hat versagt.“
Schweigen im Walde.
„Wieso konnten Sie sich in Sachen Video auf ein Format einigen? Wieso konnte die Compact Disc fast zwanzig Jahre ohne Konkurrenz bestehen? Wieso? Wieso?“
Die letzten Worte schrie Eichenlaub so laut, dass er rot anlief.
Dann senkte er die Stimme. „Es besteht ja wieder Hoffnung. Die DVD hat sich etabliert und zum Glück gibt es so viele Formate, dass jeder Haushalt bald vier verschiedene Abspielgeräte und Rekorder erwerben muss. Doch ich will nicht die Zukunft beschwören, solange wir in der Gegenwart leben, Reuer, die nächste Folie.“
Welch ein Schock für die Anwesenden, denn eine Statistik wies aus, wie viele Langspielplatten, Tonkassetten, Videokassetten, überalterte Kaffeemaschinen, Toaster, Mobiltelefone und sonstige Altgeräte noch in den Haushalten vorhanden waren.
„Das sind Fakten, Fakten und nochmals Fakten. Wir werden radikal eingreifen und die Haushalte zwangsentkernen. In Einklang mit dem Bundespräsidenten, der schon lange in Verhandlungen mit unseren Verbündeten steht, heißt die Parole: Egal, was wir machen, es ist gut, wenn es Arbeit schafft.“
Die letzten Worte hatte Eichenlaub mit so einer Dynamik ausgesprochen, dass die Manager aufgesprungen waren und zu klatschen begonnen hatten.
Eichenlaub hob die Hände und rief: „Tashaka. Packen wir es an.“
Die Geburtsstunde der Aktion „AIA”, Arbeit ist alles, war ein Meilenstein auf dem Wege hin zu dem Deutschland der „Dunklen Macht”.