tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
6. Irischer Tee
Des Morgens erkundete er die Stadt. Viele Fassaden bestanden aus roten Backsteinen. Die Häuser kamen ihm kleiner als in Deutschland vor. In einem hellen Grau hoben sich die Kirchenbauten von den umliegenden Gebäuden ab. Aufmerksam spazierte er die belebte Grafton Street entlang, blieb vor den Ständen stehen, an denen keltische Kreuze aushingen.
An den Straßenlaternen entdeckte er Blumenarrangements. Beim Rundgang durch den Park genoss er die Ruhe, eine gewisse Distanz, die er auch bei den Menschen zu spüren glaubte. Weit ab vom Trubel vernahm er die Rufe der Möwen. Trotz Rotlichts überquerten die Menschen die Straße, schauten nur kurz nach links. Vor ihm befand sich der Eingang des Trinity Kollege – er folgte den Plakaten, auf denen in schwarzweiß das Gesicht eines jungen Mannes abgebildet war. Ein Literat, daran bestand kein Zweifel. Yeats – ein irischer Dichter. In einem Hinterhof befand sich der Eingang zum Museum. Majestätisch zeigte
sich die Vorhalle. Martin stieg die Treppe hinab und betrat direkt den Ausstellungsraum. Auf drei Leinwänden wurden Bilder projiziert. In der Mitte auf einem konstanten Hintergrund prangten die Gedichte in weißer Schrift. Zuerst wurden Titel und Autor angezeigt, dann die Verse, die in den Stimmen der Leser lebendig wurden. Auf beiden Seiten wechselten
die Motive: Ozean, Wald, eine Winterlandschaft, Statuen, Porträts. Krieg und Trauer bestimmten die Texte, doch stets mit einem positiven Unterton, der den Wunsch nach Hoffnung verkörperte. Gleichmäßig spielte der Rhythmus aus englischen Vokalen, beständig war der Stil, auch mit leichter Trägheit. Dichtung, so gewaltig kann Dichtung sein, so wird sie zum Medium, zum Erlebnis, dachte Martin. Noch eine halbe Stunde verweilte er dort und erlebte die Gedichte. Obwohl er nicht alle Wörter kannte, verstand er den Inhalt und ließ sich auf die Stimmung ein.
Später besuchte er die Nationalbibliothek, die zwei Stockwerke höher untergebracht war. Freundlich wurde er von einem uniformierten Mann begrüßt, der um seine Tasche bat, diese in einem Fach einschloss und ihm den Schlüssel reichte. Römische Nummern standen über den Regalen.
Chroniken, Jahresbücher und Register reihten sich aneinander. Darüber erstreckte sich von Engeln behütet eine mächtige Kuppel. An den Tischen saßen Studenten und wälzten Bücher. Martin nahm sich ein Werk über die Auswanderung der irischen Bevölkerung nach Amerika vor, blätterte schnell, las einige Artikel an und stellte es danach wieder an den Platz zurück.
Irischer Tee lockte - er setzte sich in ein Café. Geräumig war es und hochwertig ausgestattet. Er entdeckte die Statue eines Geigenspielers.
Eine junge asiatische Kellnerin nahm seine Bestellung auf - einen Tee. Martin war nicht wählerisch, aber mit Milch wollte er ihn verfeinern, wie man Tee in diesem Land gerne trinkt. Heute würde er nicht nach der Adresse fragen, stattdessen in einem Restaurant Mittag essen und sich nochmals die Ausstellung ansehen.
Beim zweiten Besuch fiel ihm ein Satz auf: „I believe in the practice and philosophy of what we have agreed to call magic ...“ Weit aus düsterer als beim ersten Mal kam ihm das Ambiente vor. Masken, Manuskripte und Handschriften begutachtete er genauer, ließ sich Zeit. Mystik, eine keltische war der Antrieb des irischen Schriftstellers gewesen, der den
Depressionen seiner Zeit ein Gesicht gab. In abgetrennten Ecken sahen sich die Leute Dokumentation über das Schaffen und Wirken Yeats an.
Martin schlug sein Notizbuch auf, schrieb und schrieb ...
Bei Sonnenuntergang ging er in sein Hotel zurück, rief die Eindrücke des Tages in seine Gedanken zurück.
7. Wacht an der Küste
Am Folgetag ging er durch die Innenstadt, suchte die Pearse Station auf.
Dort ließ er sich einen Fahrschein mit Rückfahrt nach Dun Laoghaire, das, wie er erfuhr, Don Lirie ausgesprochen wurde, ausstellen. Zwei Gleise gab es; ein Wachmann verriet ihm, auf welchem sein Zug fahren würde. Nach ungefähr fünfzehn Minuten kam er an, fand schnell den Weg aus dem Bahnhof. Wenige Kilometer Fußmarsch waren es bis zum
James Joyce Museum. Zu seiner Linken wartete das Meer mit leichten Wogen auf. Am Ufer überzogen Algen die abgerundeten Felsen, auf der anderen Seite lagen idyllische Ortschaften. Martin entschied sich, einen kleinen Umweg zu nehmen und diese zu erkunden. In den Vorgärten wuchs eine mediterrane Pflanzenwelt, Palmen und Blumen, die große Blüten trugen. In der Ferne erkannte er Halbinseln, sie umzäunten den Hafen von Dublin. Heftiger und heftiger schlugen die Wellen gegen die Mauern aus Fels. Martin folgte einer künstlich angelegten Küstenlinie.
Segelbote lagen im Hafen an. Zwei Leuchttürme standen auf den Wällen.
Martin schaute auf das Meer; leichter Regen setzte ein.
Als er wieder zurück ging, bemerkte er seinen Hunger. In einem Pub mit Meeresblick nahm er eine Mahlzeit zu sich und trank ein Bier. An der Bar erkundigte er sich nach dem Joyce Tower.
Martin ging dem Küstenverlauf nach. Eine kleine Bucht zog Badegäste an. Der Aufstieg zum Turm fiel ihm nicht schwer. Eine ältere Dame stand hinter der Rezeption. Den Eintrittspreis bezahlte er und besichtigte den ersten Ausstellungsraum.
Vier Wochen schrieb der Autor hier, verfasste das erste Kapitel des Werkes Ulysses. Persönliche Gegenstände wurden ausgestellt. Martin stieg eine Wendeltreppe hinauf. Dort war das Zimmer James Joyces nachempfunden worden. Ein Bett, ein Holztisch, ein Kamin, Küchenausstattung – mehr braucht es nicht, war Martins Überzeugung. Düster und kalt muss es hier im Winter sein.
Martin begab sich auf die oberste Plattform des Turmes; der Blick auf die Küstenlinie schlug ihn in seinen Bann.
Gegen Abend erreichte er Dublin. Dort setzte er sich in eine Kneipe, lauschte dem hektischen Rhythmus der Geigen, die von jungen Frauen und Männern gespielt wurden. In diesem Land sind Dichter willkommen, ja erwünscht, sprach sich Martin Mut zu. Auf dem Tisch stand ein Glas Whisky. Schnell nahm der Andrang zu. Das Publikum klatschte begeistert zum Takt und Guinness floss in Strömen.
Die nächsten zwei Tage besuchte er weitere Museen. Im nationalen Schriftstellermuseum erhielt er einen Überblick über die irische Literaturgeschichte. Viele berühmte Namen wurden erwähnt. In den Vitrinen lagen veraltete Schreibmaschinen und Kleidungsstücke aus.
Auch das Geburtshaus des berühmten Dramatikers George Bernard Shaw besichtige er, ein Reihenhaus, das im viktorianischen Stil gehalten war.
Durch die Zimmer leitete ihn ein Audio-Führer.
Mittwochs saß er in einer Bar, informierte sich in einer Broschüre über die Öffnungszeiten, um sich danach zum Trinity Kollege zu begeben.
Erhaben kam ihn die Ausstellung vor. Book of Kells - Buchumschläge und Symbole waren auf den Stellwänden abgebildet. Als er Treppe erklomm, blickte er in die alte Bibliothek. Auf mehreren Stockwerken verteilten sich die Bücher. Vor den Regalen waren die Büsten berühmter Persönlichkeiten ausgestellt: Newton und Shakespeare erkannte er sofort.
Erschöpft fiel er abends ins Hotelbett.