tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
MADONNA
Natascha kramt in ihrer Tasche und betrachtet die schmalen Häuser in den Gassen, wo sich Beete und kleine Läden aneinander reihen. In einem mondförmigen Fensterausschnitt schaut eine erzkatholische Madonna dem Jesuskind, das sie in den Armen hält, tief in die Augen. Einen blauweißen Mantel trägt sie, Blumengestecke liegen zu ihren Füßen.
Gefesselt bleibt sie vor dem Marienbild stehen. „Ave Maria“, flüstert eine ältere Dame im Vorbeigehen und bekreuzigt sich. Natascha sieht ihr nach, bemerkt ihren strengen Gang und blickt noch einmal auf das Bild der Heiligen Madonna. Als müsste sie sich von diesem Anblick befreien, nimmt sie ihre Digitalkamera zur Hand und betätigt viermal den Auslöser
– jedes Mal aus einem anderen Blickwinkel. Mittagssonne und Schatten teilen sich die Fläche auf dem weißen Putz. Anschließend dreht sie sich um. Niemand ist in ihrer Nähe. Mühsam versucht sie, sich zu orientieren.
Ein halbverblasstes Straßenschild erkennt sie wieder. Auf das Display ihrer Kamera starrend begibt sie sich zu dem Kaufladen, den sie bereits seit einer viertel Stunde sucht und bisher nicht ausfindig machen konnte.
Frappante Nostalgie. Im Schaufenster sind Kartons, in denen Schallplatten aufbewahrt werden, zu erkennen; über dem Eingangsbereich wurden zwei überdimensionierte Tonträger drapiert.
Natascha tritt ein, flüchtig grüßend legt sie einen Beleg vor. Der Mann hinter der Theke sieht sich die Nummer an und gibt Natascha die CDs zusammen mit den überspielten Schallplatten. Prüfenden Blickes sieht sie sich diese an: diverse Titel der 80er und 90er. „Madonna“ und nochmals „Madonna“, hier teilt Natascha den Musikgeschmack mit ihrer älteren Schwester. Dann bezahlt sie, verabschiedet sich und nimmt den Umweg, der an der Heiligen Madonna vorbeiführt. Kinder spielen in den Gassen, befahren das Kopfsteinpflaster mit Dreirädern und Ziehwagen.
Währendessen werden Kleingärten bewirtschaftet und Fenster geputzt.
Von ihrer Anziehungskraft hat sie nichts verloren, stellt Natascha fest und verzichtet auf ein weiteres Foto. Stattdessen rennt sie zum Bahnhof, um die nächste Verbindung nicht zu verpassen.
Daheim angekommen begegnet sie ihrer Schwester im Wohnzimmer.
Lisa freut sich über die Ergänzung ihrer Musiksammlung, gibt Natascha das Geld, dankt ihr für die Erledigung. Als Gegenleistung leiht sie ihr ein Album aus. Sie lauscht der Musik, während sie die Bilder der Heiligen Madonna an ihrem Computer bearbeitet. Später fährt sie wieder in das Dorf, diesmal mit ihrer analogen Kamera im Gepäck.
Dort angekommen bindet sie sich die roten Haare zurück, wie sie das immer tut, wenn sie Schwarzweißfotografien aufnimmt. Mehrmals lichtet sie das Motiv ab. Derart schießt sie Fotos von anderen Madonnen und Heiligenbildern, die an den Hauswänden und Straßenecken aufwarten.
Eine Madonna hinter Glas, eine hinter schmiedeeisernen Verschlägen: am Ortseingang, bei der Kirche, auf der Kapelle.
Natascha sieht auf die Uhr und entschließt sich aufzuhören, weil die Lichtverhältnisse schlechter werden. Erneut sprintet sie zur einzigen Haltestelle im Ort und schont während der Zugfahrt ihre Beine.
Wieder zu Hause! Lisa wandert in Gedanken auf dem Pilgerweg, sieht auf und legt das Buch aus der Hand, als Natascha mit dem Fotoapparat durch den Flur geht.
„Bin im Labor.“
Bis spät in die Nacht hinein entwickelt sie die Bilder in einer Abstellkammer, der zum Fotolabor umfunktioniert wurde, mehr provisorisch als gründlich. Unterdessen ist Lisa vor dem Fernseher eingeschlafen.
Zuvor hat sie die Musik-CDs neu geordnet und besonderen Wert auf die chronologische Reihenfolge gelegt. Nachdem Natascha ihr Labor verlässt, schaltet sie im Wohnzimmer den Fernseher ab, wünscht ihrer Schwester eine gute Nacht und geht zu Bett.
„Wann kommt Vater zurück?“ möchte Natascha von Lisa wissen, während sie am Frühstückstisch weilt.
„Nächste Woche, Samstag – glaube ich.“
Natascha schnappt sich einen Toast und zieht sich zurück, setzt die Arbeit im Labor fort. Sie staunt über die Resultate und sortiert die Bilder, beschriftet sie mit einem Filsstift auf der Rückseite: Maria und Jesus, Maria und Josef, Maria sitzend, Maria bittend ...
Insgesamt zwanzig sind es. Kurzum verpackt Natascha diese in einem Umschlag, den sie ebenfalls kennzeichnet und versieht ihn mit Datum.
Auf dem Küchentisch liegen Rosen, Veilchen und Lilien in schwarzen Plastiktöpfen gepflanzt. Natascha weiß, dass ihre Schwester zum Grab ihrer Mutter gehen wird, dort die alten Blumen gegen die neuen auswechseln wird. Sie wird Lisa nicht begleiten, sondern räumt ihren Umschlag in einen Schuhkarton ein. Aus Kurzweil ordnet sie das Dutzend Schachteln neu an. Dabei fällt ihr eine herunter. Die Fotos liegen auf dem Fußboden. Einige davon sind ihr unbekannt. Ihr Vater hat sie dort hineingelegt, vermutet sie. Beinahe auf jedem Foto sind ihre Eltern abgebildet: Nürnberg, Paris, die Alpen - mit Freunden, Lisa mit ordentlich geflochtenen Zöpfen. Säuberlich legt sie die Bilder zurück und stellt die Schachtel in der Küche ab, spült das benutzte Geschirr. In ihrem Zimmer wartet ein ungeschriebener Aufsatz, den sie nun beginnen wird, aber die Worte wollen nicht fließen.
Gegen Mittag spaziert sie wieder in die Küche, hilft Lisa beim Kochen und erzählt ihr von ihrem Fund. Nach der Mahlzeit sehen sich die Schwestern die Bilder lange an. Im Hintergrund läuft „Like a prayer“.
Madonna.