tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
MOHNBLUMEN
Die Vergänglichkeit der Mohnblumen ist bedauerlich. Ihren Platz finden sie vereinzelt im Weizenfeld, teilen sich die freien Stellen mit den Disteln. Lukas pflückt einige Blumen und bettet sie in ein altes, zerrissenes Märchenbuch. Zwischen den Seiten vierundfünfzig und sechsundfünfzig liegen zwei Lindenblätter und fünf Butterblumen vom Frühling; hier legt er auch zwei Weizenstängel hinein. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und bahnt sich seinen Weg aus dem Feld, sprintet über die Bundesstraße und beschreitet einen Schleichpfad. Dieser führt ihn zu einem Brunnen, der ihn an seinen Durst erinnert; die Aufschrift „Kein Trinkwasser“ ignoriert er und befüllt seine leere PET-Flasche. Daraufhin
hält Lukas inne, lauscht den Geräuschen des Freibades. Bereits gestern war er mit seinen Freunden hier gewesen. Heute hat er vergessen, sich mit Sonnenmilch einzucremen; Unterarme und Wangen brennen. Einem hoch frequentierten Wanderweg folgend sucht er Schatten unter Apfelbäumen.
Überreife Birnen- und Apfelstücke locken Wespen zum Mittagstisch. Lukas kommen zwei Fahrradfahrerinnen entgegen. Eine von ihnen beschwert sich lauthals über einen Stich und kratzt sich an ihrem erröteten Nacken.
Von der Hitze geschwächt erreicht Lukas das Elternhaus und schließt die Tür auf. Seine Mutter ist nicht anwesend. Überstunden – nimmt er an, nichts Ungewöhnliches. Der Hunger plagt ihn.
So entschließt er sich, mit dem Bus zu seiner Oma zu fahren. Zuvor reibt er sich mit einer hochwirksamen Sonnencreme ein.
Lange muss er nicht auf den Linienbus warten. Von Schwüle und Müdigkeit verführt, lehnt er sich an die Glasscheibe; das Buch legt er auf dem Nebensitz ab. Eine weibliche Stimme reist ihn aus dem Schlaf.
„Kerle, verbass dei Haltstell net.“
Zu spät. Bei der nächsten Gelegenheit steigt er aus und wartet auf den Bus, der ihn die drei Stationen zurück bringt. Halb sechs zeigt seine Armbanduhr an, als er bei seiner Oma ankommt. Gemächlich öffnet sie ihm die Haustür, mustert ihn. „Bist ja ganz rot. Dann komme mal rein.“
Gleich darauf wärmt sie ihm die Reste vom Mittagessen auf.
Währendessen vertreibt sich Lukas die Zeit, indem er Fischfutter in das kleine Aquarium im Wohnzimmer schüttet. Alle fünf Clownfische schwimmen kurz zur Oberfläche, nehmen nur ein zwei Bissen und verstecken sich dann hinter zierlichen Steinen.
Lukas isst hastig, seine Großmutter beobachtet ihn dabei. Unterdessen klingelt das Telefon; sie nimmt ab. Lukas Mutter fragt nach, ob ihr Sohn bei ihr sei. In zehn Minuten wird sie ihn mit dem Auto abholen. Auf den Nachtisch verzichtet Lukas. Bevor er geht, soll Großmutter sich das Buch ansehen. Nicht schlecht staunt sie über die Ausbeute ihres Enkels.
Während sie alles begutachtet, hört sie Schritte – Lukas Mutter tritt ein.
„Mutter, ich nehme Lukas mit, bring ihn am nächsten Wochenende vorbei.“
„Schade, wir wollten gerade die Blumen arrangieren. Möchtest du nicht mitmachen?“
„Wie soll das gehen? Hab doch noch einen Stapel Akten durchzusehen.“
Lukas hebt seine Sporttasche auf, blickt auf den Parkettboden.
„Vielleicht kann ich noch eine viertel Stunde bleiben.“
Aus einem Holzschrank sucht Lukas Großmutter die nötigen Utensilien zusammen. Hustend stellt sie alles auf der Tischplatte ab. Mohn, Blätter und Weizen reihen sie in Form eines Fächers auf, mit einem Bindfaden fixieren sie das Werk und setzen es in einen Rahmen, den sie zuvor mit hellblauem Karton ausgelegt haben, ein. Eine Glasscheibe versiegelt den
Strauß. Dieweil freut sich Lukas über den Hunger der Fische.
Bild um Bild wird erdacht, gebunden und eingerahmt, bis sich außer unscheinbaren, verwelkten Pflanzenresten in den Seiten nichts mehr aufstöbern lässt. Erst jetzt fällt ihr auf, dass sie bereits seit zwei Stunden mit ihrer Mutter Blumen arrangiert. Ihr Sohn macht die nächste Schachtel Fischfutter auf. Indessen staunt sie über die entstandenen Bilder, nimmt
jedes einzelne nochmals in die Hand. Zeitverschwendung - keineswegs.
In der Anreihung von Stängeln und Kelchen fällt ihr eines auf, ganz latent: Die Mohnblumen dominieren.