tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Ich schob Jens das Papier herüber. Versuchte ein Lächeln. „Was meinst du? Is ein Entwurf für einen Artikel. Unsere Schülerzeitung, weißt du? Vielleicht für mehr. Ich kann schließlich nicht immer nur Laborleiterin spielen. Schule is wichtig, hast du gesagt.“ Ich spürte seinen irritierten Blick. Ausgerechnet er als Testleser einer Schülerzeitung? Da gab es wirklich bessere. Andererseits schmeichelte ihn die Bitte.
Halblaut las er: „Schon seit vielen Monaten hat Eberswalde über eine Viertelmillion Einwohner. Der weitaus größte Teil davon haust in provisorischen Baracken in Nordend. Schon vor den Berliner Sikroben schien die ganze Gegend verflucht. Wer aber heute im Reinhardt-Viertel wohnt, braucht sich um eine Anstellung bei den wenigen in der Region verbliebenen Instandhaltungsfirmen nicht zu bemühen. Die Häuser reißt nur deshalb niemand ab, weil das Geld kosten würde, das keiner ausgeben will. Allmählich hat sich der umliegende Wald durch die Zivilisationsdecke gedrängt. Ansonsten kommt nur hierher, wer nicht ahnt, dass er mit dieser Adresse sein weiteres Schicksal besiegelt oder wer sich selbst aufgegeben hat.
In Ostend, dort, wo die Bewohner seit langem ihre Häuschen als Anbauten zu ihren Kleingärten verstehen, suchen die Edelflüchtlinge ihr Unterkommen. Von hier aus ziehen die freien Makler der Silit-AG los, um die Neues–Berlin-Volksaktie als Anteil an dem bevorstehenden Bauboom in der künftigen Welthauptstadt anzupreisen. Hier patrouilliert die Eberswalder Bürgerwehr im Zweistundenrhythmus durch die Gassen und hier befinden sich vorübergehend die öffentlichen Ämter und Einrichtungen der Hauptstadt und einige Berliner Polizeiwachen. Die Polizisten haben sehr weite Wege zu ihren eigentlichen Einsatzorten. Aber natürlich gibt es hier wie dort wenig Kriminalität.
In den zurückliegenden zwei Wochen haben die Polizisten allerdings an einem der seltsamsten Einsätze des Jahrtausends mitgewirkt: Zusammen mit Feuerwehrleuten und Hunderten Freiwilligen errichteten sie mehrere gewaltige Grabhügel aus Zehntausenden übereinander gestapelter Testuden. Immer neue Schichten der reglosen Silitfresser drücken auf einander. Man hat sich nicht entschließen können, die unheimlichen Gäste aus dem All in der Erde zu verbuddeln. Es könnte ja sein, dass sie immer noch Leben in sich bergen. Kleinere Gruppen von ihnen hatten gezielt die letzten Gebäude aus Silit im Berliner Umland angesteuert. Nachdem die verzehrt waren, erstarrten auch die letzten ...“
Es war Freitag. Auf Jens´ Programm stand die abschließende Inspektionsfahrt zu diesen Grabhügeln. Ich bat ihn, mitkommen zu dürfen. Überrascht stimmte er zu. Jule erklärte, sie könne nicht mitkommen. „… Es muss sich doch jemand um die Kleinen kümmern.“ Dabei lächelte sie viel sagend.
Ich sprang pfeifend auf den Beifahrersitz.
An den Inspektionspunkten stieg ich mit aus. Jens stellte mich meist als seine Adoptivtochter vor. War das ein Vorbeimarsch! Ich hatte mich extra aufgemotzt, trug ein kurzes weißes Kleid mit angesetztem weiten Rock. Das betonte meine gebräunte Haut. Jens konnte nur schwer verbergen, wie ihm das gefiel – und wie ihn die zweideutigen Komplimente der vielen Männer aufregten. Hätte er gehört, was ich vorher zu Jule gesagt hatte, wäre er wohl zurückhaltender gewesen. „In mancher Hinsicht sind Männer wie Computer. Man muss nur die richtigen Buttons kennen, schon läuft das gewünschte Programm ab. Selbst bei so einem Vatertyp, bei dem man sich geborgen fühlen kann, und nicht erwartet, dass irgendwas abgeht.“ Aber er ahnte nichts.