tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Petra achtete nicht auf den Verkehr. Wütend fauchte sie die jämmerliche Gestalt auf dem Bildschirm an: „Und was ist mit Laserkanonen, elektrischem Strom, Gift oder was weiß ich? Ihr müsst doch das Übergreifen der Viecher auf unsere Gebäude verhindern!“
Die Bildübertragung zeigte nun den Diensthabenden im Profil vor dem Hintergrund des Wolkenfingers. Auf seinem geröteten Gesicht standen Schweißtropfen. „Bestimmt gibt es Möglichkeiten. Wir suchen ja. Aber wir haben keine Zeit. Außerdem sind die Leute begeistert, dass dieser Silithorror so schnell zu Ende ist. Wenn wir einen Krieg gegen die Schildkröten beginnen, sind wir überall unten durch.“
Vielleicht wäre Petra besser bei ihren Eltern geblieben. Dann hätte sie wenigstens nicht hilflos zusehen müssen, wie der Wolkenfinger sich allmählich krümmte und dann, immer schneller werdend, nach vorn wegsackte. Aus den Nachrichten erfuhr sie, dass die normale Fraßfrontlinie der Testuden jetzt bis an die frühere Stadtbezirksgrenze von Lichtenberg vorgedrungen war. Ihre Institutsreste waren die letzte Silitinsel inmitten fruchtbarer nackter Bodenkrume. Kilometerweit herrschte Eintönigkeit. Kein Baum, kein Strauch, nicht eine einzige Ruine. Eine seltsame dunkle Wüste. Zwar wirbelte der Wind gelegentlich hellgraues Mehl auf, das als kümmerlicher Rest der Silitschicht zurückgeblieben war, doch ansonsten war dieser Teil Berlins ein Acker, der nur auf Grubber wartete, damit gesät werden konnte.
Von allen Seiten näherten sich unterschiedlich große „Testuden“ den restlichen Silitgebäuden des Instituts. Verzweifelt jagten Petras Teams mit Körben, Händen und Keschern nach den Angreifern. Je weiter die eigentliche Front sich entfernte, umso unheimlicher wurde die Lage. Die hungrigen Wesen in der Umgebung der verbliebenen Institutsbaracken teilten sich offenbar, um leichter an ihr Futter zu kommen. Jedenfalls griffen immer mehr und kleinere Wesen an.
„Die müssen das Silit riechen. Anders kann ich mir das nicht erklären“, schimpfte Petra. Sarkastisch ergänzte sie: „Haben die nicht ferngesehen? Nach den neuesten Meldungen müssten sie diese Gegend längst verlassen haben oder erstarrt sein!“ Wütend sah sie gelegentlich die Berichte, die dazu aufforderten, zurückbleibende starre Testuden aufzusammeln und an die Silitdecke anzusetzen.
Inzwischen fuhren vier Panzer ununterbrochen rund um das Institut Patrouille. Aber am folgenden Morgen waren die meisten wissenschaftlichen Mitarbeiter schon damit beschäftigt, kurzbeinige Silitfresser aus Löchern in den Mauern zu lesen.
„Es hat keinen Sinn. Rettet, was noch zu retten ist, und dann weg hier.“
Drei Tage später starteten acht Charterjumbos vom provisorischen Großflughafen Berlin-Brandenburg International mit unterschiedlichsten Gerätschaften und einer noch unbearbeiteten Kugel in Richtung Windhuk Airport. Petra folgte mit ihrem engsten Stab. Sie hatte nach einigen Kilometern Entfernung einen imposanten Panoramablick auf das Gebiet Berlins. Im Wesentlichen bestand es aus grauen und braunen Flecken. Dort, wo die Spree ihr Bett wieder gefunden hatte, lockerte das erste Blau das Bild auf. Bald würde Grün die bestimmende Farbe sein. Es kämen neue Menschen, um hier ihre Geschäfte zu machen. Vielleicht gäbe es in zwanzig Jahren eine wieder aufgebaute, wenn auch wahrscheinlich kleinere Stadt. So lange kann ich nicht warten, dachte Petra. Sie umkrallte die Tasche mit ihrer unscheinbaren Kugel.