tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Die Klonies hatten wie immer Tropfen und Kristalle gefüttert, die Seifenblasen waren verschwunden, das blaue Leuchten des Kristalls hielt diesmal aber länger an als sonst. Es vergingen mehr als zwei Minuten, da färbte sich der Kristall türkis anstatt zu verblassen. Langsam schwoll er an.
„Wie schwanger“, rief Jule mit kaum gedämpfter Stimme. Alle starrten wie gebannt auf dieses merkwürdige Etwas. Diesmal hätte uns unser Alarmsystem wohl kaum gerettet. Nach neun Minuten – so behauptete Jule später – war der Kristallbauch ungefähr auf die Größe eines menschlichen Neunmonatsbauches angeschwollen. Man sah noch die Kanten des ursprünglichen Kristalls.
Sina rief: „Habt ihr das auch gehört? Es hat Plobb gemacht.“ Bevor ihr jemand antworten konnte, schnellte ein erster kleiner Punkt aus der gespannten Bauchdecke hervor. Die nächsten folgten in immer kürzeren Abständen. Während die Haut schlaff wurde, landeten Tausende solcher beweglichen Punkte um uns herum.
„Eine Lupe! Wo ist eine Lupe?“ Leonie reagierte als erste.
Glücklicherweise erinnerte sich Jule. Zuvor hatte noch niemand eine Lupe benutzt. Schließlich besaßen wir ein mittelgroßes Mikroskop.
In den folgenden zwei Minuten drängelten die vier Klonies Julia und mich immer wieder zur Seite. Leonie hatte die Lupe als erste ordentlich über mehrere Punkte gehalten. Begeistert brüllte sie: „Sind die aber niedlich!“
Sina rief: „Lass mich auch mal! …Tatsächlich! Ganz kleine Schildkröten!“
Die Körper waren wenig mehr als einen Millimeter groß, wie abgeplattete Halbkugeln mit kaum erkennbaren, sich träge bewegenden Beinchen daran.
Endlich hatte ich mich gefasst. „Wir müssen sie einfangen! Aber wie?“ Panisch sahen wir uns im Raum um. Pipetten, ja, die fanden wir. Nur keine verschließbaren Behälter, Bottiche, Gläser oder Kisten. Womit sollten wir denn diese Mikroschildkröten einsammeln? „Die fegen wir einfach zusammen.“
Kaum hatte ich das gesagt, rief Leo „Ich hol schon!“ und draußen war sie. Wir anderen standen hilflos herum. Die winzigen Wesen hatten sich im ganzen Labor ausgebreitet.
„Iiih! Was ist denn das?“ Entgeistert starrte Jule auf ihre Füße. Dort zerfielen gerade ihre Schuhe in ein weißes Mehl. Hanna hatte sich an einen der Labortische angelehnt. Von dem schnellte sie wie durch ein Katapult abgefeuert zurück in den Raum. Allerdings war sie plötzlich nur noch mit Leinen-T-Shirt und Slip bekleidet. Die Vorderseite ihres Rocks fiel als Fetzen auf den Boden und löste sich dort auch auf. Von allen Seiten fielen die krabbelnden Punkte über unsere Kleidung her – oder nein: über meine nicht. Jule und Sina standen schon splitternackt da. Sie schrieen und quietschten, schlugen um sich, versuchten, die allgegenwärtigen Punkte von ihren Körpern abzuschütteln. Als ob sie Hunderte von Flöhen am Beißen hindern wollten. Durch die wilden Bewegungen behinderten sie sich eher gegenseitig. Das Einfachste wäre doch gewesen, nach draußen zu flüchten. Ich stand immer noch vollständig bekleidet da. Rief: „Nun reißt euch doch endlich zusammen!“
Zumindest für eine Sekunde unterbrachen die anderen ihre Hampelei. Das reichte mir. Ich riss die Tür auf. Gerade als die anderen aus dem Labor stürmen wollten, kam Leonie mit einem Handfeger, einer Schippe und zwei großen Wassereimern mit Deckel.