tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Im Labor gab es des nostalgischen Schmucks wegen eine altertümliche Federwaage. Petra löste die Kugel aus ihrer Verankerung. Sie würde ihr Objekt noch einmal auf ganz urtümliche Art wiegen. War das nicht mal etwas Anderes? Aber … Das war doch nicht möglich! Diese Waage zeigte 1186 Gramm. Petra wiederholte die Gewichtsbestimmung auf einer der Reserve-Digitalwaagen. Es erstaunte sie kaum noch: Diesmal sollte die Kugel angeblich 1170,95 Gramm wiegen. Das stachelte Petras Neugierde an. Noch einmal das Ganze und … der nächste Wert. Ins Protokoll schrieb Petra Masse schwankt und dabei brabbelte sie vergnügt vor sich hin. Hätte sich einer ihrer Assistenten so aufgeführt wie sie jetzt, wäre ihm mindestens die Frage, was denn mit ihm los sei, nicht erspart geblieben. Gehen Sie nach Hause, ruhen Sie sich aus! Aber niemand konnte Petra nach Hause schicken. Die Nachbarin würde Jana und Tina abholen und ins Bett bringen.
Du gibst mir Rätsel auf, murmelte Petra. Als ob du das absichtlich machst. Du willst mich wohl zu immer neuen Untersuchungen herausfordern.
Bei diesen Worten liefen wohlige Schauer Petras Rücken herunter. Die unbekannten Kräfte wollten also, dass sie weitermachte. Petra musterte die Kugel, sah sich im Labor um, entdeckte nichts Ungewöhnliches, nichts, was sich verändert hatte. Aber gerade das Gefühl, von Tausenden unsichtbaren Augen beobachtet zu werden, von Augen, die in ihre geheimsten Gedanken hineinsehen konnten, trieb ihr den Schweiß in alle Poren. Die Raumtemperatur wurde automatisch auf zweiundzwanzig Grad Celsius gehalten.
Wenn nun die sichtbare Oberfläche einen von ihr grundverschiedenen Kern verbarg? Der erzeugte dann die unerklärlichen Phänomene. Tolle These, schimpfte Petra. Das war zwar nahe liegend, nur erklärte es nicht, warum die Kugel in verschiedenen Momenten so unterschiedlich schwer war.
Einmal angenommen, es wäre kein Gerätefehler? Petra murmelte verärgerte: Als ob in ihrem Inneren etwas zu fliegen versucht.
Absolutes Hochgefühl.
Ich werde wahnsinnig. Vielleicht bin ich nur überarbeitet? Aber die Kinder? Reiß dich zusammen! Du solltest lieber herausbekommen, wie es in der Kugel aussieht! Es wird doch wenigstens eine Strahlung geben, die dieses Ding durchdringt!
Hochstimmung. Das war also erwünscht.
Petra las langsam die Strahlungen vor, die zu Abbildungen führen konnten. Sie begann lächelnd mit Ultraschall, wobei sie sich ein außerirdisches Baby im Inneren der Kugel vorstellte. Ihre Stimmung belohnte sie nicht. Nur bei einer einzigen Variante empfand sie angenehme Schwingungen: Röntgen. Das Gute daran: Ein Röntgengerät hatten sie im Labor. Die Methode erforderte deshalb keine zusätzlichen Bemühungen.
Petra machte schnell zwei Röntgenbilder aus verschiedensten Perspektiven. Tatsächlich: Auf ihnen war ein fest strukturierter Kern zu erkennen. Ohne ersichtlichen Grund kam Petra die Idee, die chemischen Analysen am nächsten Abend vorzubereiten.
Petra fixierte die Kugel neu und setzte den Laserschneider an. Dabei verfolgte sie genau, wie sie sich fühlte. Sie empfing eindeutig wieder ein Signal. Nur war es diesmal positiv. Wieso das? Ging es nicht um denselben Laserschnitt, bei dem sie sich vor ungefähr einer Stunde noch mit Schmerzen hatte setzen müssen? Was sollte den Sinneswandel ihres Untersuchungsobjekts bewirkt haben? Vielleicht hatte sie sich einfach geirrt und die Effekte vorher waren Zufall, Einbildung, geschuldet ihrer Arbeitsüberlastung und die Kugel sendete gar keine Signale an ihre Gefühle – aber daran glaubte sie nicht.
Petra bemerkte eine kleine Einbuchtung am linken Ende des beabsichtigten Kugelschnittes und … Das Folgende ging für ihre Augen einfach zu schnell. Sie hörte ein Geräusch, irgendwie dumpf, gedämpft, als wäre es in Wirklichkeit so laut wie eine Sprengung, deren Krach sie durch Ohrenschützer erreichte. Sie hatte sofort den Laserschneider abgeschaltet, doch es war schon zu spät. Die Kugel war längst aus ihrer Fixierung geflogen. Richtiger das, was von ihr übrig war. Auf dem Tisch verstreut lagen ein Kristall und Schuttreste. Wahrscheinlich lag auch Einiges daneben. Das prüfte Petra nicht. Ihr entfuhr nur „Scheiße!“ und dann überkam sie eine unbezwingbare Müdigkeit.