tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Das Leben riecht nach Meer
Mario Tomašegović
‚Das Leben stinkt nach Tod’ schrieb Goran als ersten Satz in sein Tagebuch. VERITAS - Wahrheit taufte er das Diarium mit großen gotischen Lettern. Mit den Fingerkuppen strich er über das Blatt. Er legte den Füllfederhalter, auf dem die Initialen GT seines Vaters in goldener Schrift eingraviert waren, auf den knorrigen Tisch. Er griff zu einer gläsernen Sanduhr und drehte sie auf den Kopf. Fünfzehn Minuten blieben ihm, bis die rote Sonne aufging.
Er nahm einen Schluck Slibowitz und würgte zwei giftgrüne Ecstasypillen hinunter, auf denen das Gesicht von Micky Maus lachte. Er schrieb weiter:
In der Nacht erlagen fünf Kameraden ihren Verletzungen. Ich hatte ab vier Uhr Früh Sanitätsdienst und musste die Toten in olivgrüne, süßlich stinkende Leichensäcke packen. Sie starben einen dreckigen Tod, in einem dreckigen Bett, für dreckige Saubermänner. Keiner war älter als vierundzwanzig Jahre. Der Jüngste war seit einem Monat neunzehn und hieß Nikola. Er hatte ein kindliches, mit Pickeln übersätes Gesicht, abstehende Ohren und dunkle, unruhig wandernde Augen. Als ich seinen Leichnam in den Sack legte, sah er aus wie ein glücklicher Junge. Er war ein Fan von Hajduk Split. Wir zogen uns ständig wegen unserer Teams auf. Er neckte mich oft mit seinem Lieblingsspruch: Ihr seid zwar die Hauptstädter, aber in eurem Inneren bleibt ihr Schweinehirten. Und genauso rustikal spielt euer Team Fußball. Ich schob einen Wimpel von Hajduk in seine linke Brusttasche und legte zwei silberne römische Münzen mit dem Konterfei von Julius Cäsar, die ich beim Ausheben von Schützengräben gefunden hatte, auf seine Augen. Der Fährmann Charon sollte ihn sicher über den Styx befördern.
Mittags verteilte ich Essen und Getränke im Flüchtlingslager. Bis dahin kam ich ohne Pillen durch den Tag. Die fragenden und flehenden Blicke der Kinder trieben mich nachmittags in die Arme der Feuerengel.
Am Abend nur Routinearbeiten. Leichensäcke säubern, Waffen reinigen, vor dem Geschrei der Verwundeten fliehen. Der Tag hinter mir voller Grauen, die Nacht vor mir die Hölle.
Goran schloss die ‚Wahrheit’, nahm einen Zug aus der Schnapsflasche. Er starrte auf sein verzerrtes Spiegelbild in dem grünen Glas und flüsterte: „Wenn ich rede, sterbe ich. Wenn ich schweige, sterbe ich. Also rede ich und sterbe.“
Er schlug SPES - die Hoffnung auf. Sein zweites Tagebuch. Sein Schrei gegen die Wahrheit. Seine Flucht vor der roten Sonne. Sein Licht am Ende des Tunnels, das nur ein Widerschein der Hölle war.
‚Das Leben riecht nach Meer’ lauteten die ersten Worte. Er zog ein vergilbtes Foto aus der Jackentasche, auf dem ein Segelschiff am Horizont auf glitzernden Wellen tanzte. Im Vordergrund stand eine Frau vor einer Aphroditestatue. Sie lachte und winkte mit der rechten Hand. Ihr Haar: eine ungezähmte, schwarze Mähne. Ihre Augen: dunkel, voller Träume. Ihr Körper: schlank, mit geraden Schultern, schmalen Hüften und einem vollen Busen. So erhob sie sich aus dem Schaum des Meeres. Seine Anna.
Mein Dorf in den Hügeln über dem Meer, schrieb Goran weiter. Mein Haus, mein Land, mein Leben, meine Liebe. Die versteckte Bucht und der einsame Mandelbaum, unter dem ich Anna küsste. Mandeln auf ihrem Mund, ihren Brüsten, ihrer Scham. Annas Geruch betörend in der Luft. Annas Geschmack berauschend auf meiner Zunge. Wilde Küsse, zärtliche Berührungen, Liebesschwüre, zuckende Körper. Meine ungeborenen Kinder in Annas ewigen Augen. In diesen Momenten küsste der Himmel meine Erde, küsste sie im Schatten des Mandelbaums. In diesen Momenten flüsterte das Meer zu mir, versprach eine Woge zur Insel des Lichts.
Goran unterstrich Annas Namen, hielt die Nase an das Papier und atmete tief ein. Er atmete das Meer seines Dorfes, atmete das Meer zwischen Annas Schenkeln.
Ein gieriger, wütender Wind mit Böen wie Prankenhiebe eines Bären kam auf, hämmerte wild gegen das Fenster und schleuderte Goran in die Wahrheit zurück. Die Sandkörner rieselten und schlugen wie Felsbrocken gegen das Vergessen. Eine weitere giftgrüne Pille schoss ihn durch einen Tunnel der Zeit. Seine Hand machte sich selbständig und gehorchte dem Befehl der roten Sonne. ‚PROMETHEUS’ schrieb sie in zeigefingergroßen Druckbuchstaben. ‚PROMETHEUS’ wiederholte sie, schreit vor unsäglichen Schmerzen. Ein majestätischer, braungefiederter Adler gräbt die Krallen in sein Fleisch, stößt den Schnabel in Prometheus rechte Seite. Er stößt immer wieder zu und hackt ein Stück nach dem anderen aus seiner Leber. Prometheus steht nackt, in Ketten gelegt, auf dem kargen Felsen. Blut fließt seinen Bauch hinab, vermischt sich mit zähflüssiger Galle und tropft klatschend auf das Gestein. Prometheus Beine knicken ein, er taumelt, stürzt und eine schwarze Binde legt sich um seine Gedanken.
‚Ich bin Prometheus’ schrieb Goran auf eine neue Seite. Mein Adler die rote Sonne, meine Leber das Leben, meine Ketten die Erinnerung. Ich bin ein Gespenst, das dem Geist von Millionen entsprungen ist. Sie drückten mir ein geweihtes Gewehr in die Hand und der Priester sprach Gottes Worte. Ich schoss wie keiner vor oder nach mir. Ich traf jedes Ziel, aus jeder Entfernung, aus jeder Lage. Ich folgte den blinden Parolen, bejubelte die Fahnenweihen des Teufels, träumte von den Feldern der Ehre. Ich leistete Lippenbekenntnisse, plapperte eine gelernte Lüge nach. Ich erkannte nicht, dass eine Lüge der Wahrheit zum Verwechseln ähnlich wird, wenn man sie oft genug wiederholt. Jugend giert nach Wahrheit. Und ich war jung und gierig.
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Rahman schöpfte wieder Hoffnung. Unmengen blau funkelnder Tropfen spritzten weg auf den Flur. … Fließt nur, fließt! Sucht euch was anderes! … Warum bildete er sich ein, dass ein Teil dieser Misttropfen an der Mauer nagten und zu ihm hochzuspringen versuchten? … Weg, weg!
Die Tropfen ließen ihm immer weniger freien Raum. Scheinbar gezielt rückten sie gegen ihn vor, langsam, aber unerbittlich. Holten sich immer mehr Brüder, Schwestern und gefräßige Nichten, obwohl sie doch längst über den Flur hätten abfließen können.
Rahman krallte sich mit einer Hand am Fensterkreuz fest, mit der anderen umklammerte er noch immer seinen Kristall. Er brüllte um Hilfe. Hoffte im nächsten Moment, dass ihn niemand gehört hatte. Wie sollte ihm jemand helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. In eine unbegreifliche Gefahr?
Ihm blieb nur eine Chance: Raus! Da waren zwar ein paar Etagen bis unten, aber …Ja, raus hier! Draußen …
Schon hatte Rahman das Fenster aufgerissen. Mit einer Windbö klatschte erfrischender Regen ins Zimmer. Dort, wo er auf die funkelnden Tropfen traf, zischte es und … denkste: Nichts war gelöscht. Im Gegenteil! Einige jener „Tropfen“ spritzten nach oben. Erreichten Rahman. Nicht viele, aber das war wohl egal. Er merkte es ja nicht mehr. Er hatte sich gerade etwas nach draußen gebeugt, da begann seine Umwandlung. Als eine Glitzerpuppe war der vorgebeugte Teil schwerer als das Beinstück. Das ganze Ding, was einmal Rahman gewesen war, stürzte zum Fenster hinaus. Auf dem Trottoir prallte es auf und zerbrach. In weitem Halbkreis verteilten sich die Bruchstücke. Rahmans Hand am abgebrochenen Unterarm umklammerte noch immer den Kristall und bot sich sofort als künftiges interessantes Fundstück dar. Vielleicht mit zwei Zehntelsekunden Unterschied hätte die ganze Puppe eine Jahrhunderte überdauernde Festigkeit gewonnen. Bevor sie pampig geworden wäre. So aber sprangen die wenigen Tropfen, die mit abgestürzt waren, von ihrem unvollendeten Werk in unbekannte Richtungen davon.