tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Wurzeln
... Schon wieder, Kinder? Na gut. Erzähle ich ein bißchen von früher. Was mir so passiert ist ... Kommt an den Ofen! ...
... Also, wir lebten in Schlesien, in einer damals neu gebauten Einfamilienhaussiedlung. Das Haus hatten meine Eltern gebaut, denn durch den wirtschaftlichen Aufschwung in den zwanziger Jahren ging es Handwerkern recht gut.
Dann aber starb mein Vater. Das war 1929, gerade als die Weltwirtschaftskrise begann. Ich kam in das Alter, in dem ich alles bewußt miterlebte. Zum Beispiel die gnadenlose Sparsamkeit, die jede Entscheidung im Haus bestimmt hat. In eurem Alter bin ich regelmäßig stoppeln gegangen.
... Das habe ich doch schon erzählt ... Na, wir haben Reste gesucht, die nach der Ernte auf den Feldern zurückgeblieben sind. Überhaupt alles, was irgendwo herumlag, habe ich mitgenommen, egal, ob eßbar oder sonst irgendwie nützlich. Und aufgepaßt, ob ein eventueller Besitzer auftaucht. Das war nicht klauen, das war praktische Notwendigkeit. Das haben bei uns alle gemacht.
Meine Schwester Liesbeth mußte ich überall hin mitnehmen, und dann kam noch das Jandl. Dieses Baby war nicht geplant, eigentlich nicht einmal gewünscht, aber als ordentliche Handwerkerfamilie hätten wir sie durchgebracht.
Nun bezwang der Hunger das schlechte Gewissen. Alle Leute, die ich kannte, stoppelten. Gerade zwischen den Gängen zur Stempelstelle für die paar Reichsmark Stütze die Woche. Das ganze Jahr gab es Sachen zu finden. Alles konnte jemand gebrauchen.
Ich war halt die Große. Klar, ein bißchen Abenteuer, ein bißchen Sport, sich nicht erwischen zu lassen, war dabei, aber trotzdem war es immer Ernst.
Meine Mutter war dem Leben nicht gewachsen. Nicht einmal mit den Hausierern ist sie fertig geworden. Diese aufdringlichen Leute liefen von Haus zu Haus, um ihr kümmerliches Zeug zu verkaufen. Machte man ihnen die Tür nur einen Spalt breit auf, hatten sie ihren Fuß darin, und du wurdest sie nicht mehr los. Ich sehe noch eure Großmutter heulend in der Tür stehen, als ich aus der Schule kam. Auf dem Arm das nackte Jandl. Sie hatte gerade das Baby gebadet, da klingelte es. Eine junge Zigeunerin freute sich über das hübsche Kleine. Was es doch für niedliche Sachen habe. Was für ein tolles neues Badehandtuch. Sie habe auch ein Baby. Das möchte auch gebadet und angezogen sein. Mit diesen Worten und einem „Danke!„ für das Verständnis hat sie mit all den Sachen rückwärts den Raum wieder verlassen. Das einzige Wechselzeug war natürlich in der Wäsche ... Vielleicht hatten wir noch mehr Babywäsche. Aber meine Mutter hat sie nicht gefunden.
Ich mit meinen zwölf Jahren mußte nach der Schule als erstes dafür sorgen, daß das Baby nicht nackt blieb. Fragt nicht wie. ... Nein, wirklich. Später vielleicht mal ...
Mit 16 ging ich mit Tante Gustl und meiner Mutter zum Maifest am Tag der Arbeit. Da lernte ich euren Vater kennen.
Kurz darauf meldete er sich zum Arbeitsdienst; so hatte er etwas Geld für uns. Er erwischte die untere Laufbahn als Bahnbeamter, die Chance auf ein gesichertes Einkommen.
Als künftiger Beamter hatte er seine arische Abstammung mit einer Ahnentafel und seine Staatstreue mit seiner Parteizugehörigkeit zu belegen. Den Stammbaum hat er später verbrannt. Und er ist auch nur in den NSKK eingetreten; das war so eine Art Sportbund. Was verstand er schon von Politik.
Onkel Heinrich hatte das Glück mit Stalingrad. Die meisten deutschen Soldaten sind von dort nicht wiedergekommen. Stellt euch vor, Heinrich hätte sich nicht rechtzeitig das linke Bein abgefroren! Dann hätten ihn keiner mit dem letzten Flugzeug aus dem Kessel rausgeholt, und wir ihn nie wieder gesehen! Für ihn war so der Krieg zu Ende.
Was Vati erlebt hat, hat er nie erzählt. Manchmal gab es Feldpost von irgendwo in Europa. Manchmal kam er auf Urlaub. Zuletzt als Feldwebel. Dann kam die Front zurück.
Die Nachrichten waren furchtbar. Ich hatte miterlebt, wie wir mit Gefangenen umgegangen waren. Das also erwartete uns, wenn wir von den Russen gefangen würden. Dann lieber alles auf einen Karren, was nicht niet- und nagelfest war, und ab Richtung Westen. Bloß nicht den Russen in die Hände fallen!