tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Die Massenarbeitslosigkeit und Verelendung auf der gesamten Welt schaffte ein Ungleichgewicht. Die Spaltung in Arm und Reich wurde zu einer Kluft, die bald nicht mehr zu schließen war.
Oder hatten diese Damen und Herren in den „Dunklen Akademien” studiert?
Sollten immense Vorstandstantiemen nur den Eitelkeiten schmeicheln?
Warum ließen sich die Aktionäre, auch die Kleinaktionäre, es gefallen, dass die Offenlegung von Gehältern und zusätzlich Optionen weiterhin verschleiert wurden?
Den Aktionären gehörten ja eigentlich die Firmen, ich hatte noch nie gehört, dass ein Chef nicht wusste, wie viel seine Angestellten verdienen.
Wie ich auf diese Gedanken kam? Wir hatten den Biertransporter abgefangen und saßen zusammen, um für das Gute in der Welt zu bechern. Wortwörtlich.
Die Anspannung der letzten Tage machte sich Luft. Wir stimmten das eine oder andere Lied an und Rosy Tosy überredete ihre Freunde, ein spontanes Unplugged-Konzert zu geben.
Als sie den „Wolf-Song” anstimmten, kam Rosy zu mir herüber und nahm mich zärtlich in den Arm.
„Dieses Lied ist für dich, den Mann, den ich liebe.“
In all den Jahren als BND-Agent und später als Privatermittler habe ich noch nie so tief empfunden wie in diesem Augenblick.
Marianne, die neben mir saß, brach spontan in Freudentränen aus.
„Und du hast gedacht, Wolf, ich wäre auf diese Aphrodite eifersüchtig. Nein, ich dachte da eher an Rosy. Wir haben uns mehrfach getroffen und ein Gespräch von Frau zu Frau geführt.“
Auch Climbimbus, dieser unnachgiebige Herr über alle Fragen, ließ es sich nicht nehmen, mir herzlich zu gratulieren.
Natürlich war ich nicht ganz unvorbereitet. Auf ein Zeichen hin brachte Ploppel eine großformatige Plastiktüte.
„Ich habe etwas für dich, genauer gesagt für Mrs. Colombo.“
Der Trenchcoat-Träger machte ein fragendes Gesicht.
Lächelnd griff ich in die Tüte und förderte ein Ballkleid zu Tage.
„Von Marianne weiß ich, dass deine Frau mit dir zum diesjährigen Presseball geladen ist. Der Erfolg für die Zusammenarbeit von deutschen und amerikanischen Freiberuflern in Sachen Freiheit und Demokratie. Hier, bitte.“
Bevor Climbimbus nach dem Seidenkleid greifen konnte, nahm ihm Marianne sein Zigarillo aus der Hand.
„Du brennst nachher noch Löcher hinein.“
Wir waren nicht nur bierselig, wir alle hier, Zwerge, Gnome, Menschen und sonstige außerirdische Besucher, die ich alle gar nicht zuordnen konnte. In diesem Augenblick lernten wir viel mehr über Toleranz und friedliche Koexistenz als in all den Jahren zuvor. Hatten wir uns denn nicht über viele Vorurteile hinweggesetzt? Oh ja, die Zusammenfügung unterschiedlichster Fähigkeiten war der Garant für den Erfolg.
Die Gruppe spielte auf Handzeichen von Jack, the Rapper, einen Tusch.
Dann trat Dreadlock Mannox vor, erstaunlich, wie gut ihm der dreiteilige schwarze Anzug stand.
Zwei Mitglieder der „ZIA” rollten einen samtbezogene Fußbank herein, auf die sich Dreadlock stellte.
„Freunde. Bevor wir endgültig die letzten Flaschen leeren und wohl einen langen Schlaf benötigen, wollen wir noch einmal offiziell werden.
Ich bitte daher, das Wolf Bulder vortritt!“
Leicht beschwipst riss ich mich von meinem Stuhl hoch und versuchte, so gut es ging, würdevoll nach vorne zu schreiten. In den Augenwinkeln sah ich meine Eltern, die vor Stolz zu platzen drohten.
Dreadlock, der auf der Bank stand, hatte nun fast meine Körpergröße. Fast formvollendet verbeugte ich mich vor ihm. Ich hatte ein ganz komisches Gefühl in der Magengegend.
„Wolf Bulder, du hast dich um die Andere Welt verdient gemacht. Der Ausschuss von ‚Zwergien‘ und ‚Gnomerien‘ hat daher einstimmig beschlossen, dir diese Auszeichnung zu verleihen.“
Wie von Zauberhand flog ein dunkelrotes Seidenkissen herbei, auf dem ein Orden blinkte.
„Für unseren Helden, der ‚Große Zwergen- und Gnomenverdienstorden am Bande‘ und mit drei Diamanten, der ‚Große Amboss‘.“
Voller Demut knickte ich fast ein. Ein paar Tränen liefen mir übers Gesicht und ich schaute mich hilfesuchend nach Rosy um. Wo war sie abgeblieben?
Doch trotz dieser Ehre und dem Glücksgefühl schien mir etwas zu fehlen.
Ich hatte die Hoffnung gehabt, Sie ahnen es, die „Achtundvierzig”.
Schnell vertrieb ich den Gedanken, denn der Jubel und die unzähligen Hände, die ich schütteln musste, vertrieben den letzten Gedanken an die „Achtundvierzig”. Ich hätte in den nächsten Tagen ein wenig Zeit, die Spur noch einmal aufzunehmen mit all dem Hintergrundwissen, das ich mir angeeignet hatte.
Dann vernahm ich die Stimme von Rosy: „Wolf, ich möchte dir etwas zeigen.“
Oh, wie charmant, bei dem knappen Kleidchen und tief ausgeschnittenem TShirt sah ich eigentlich genug, aber ich wollte die junge Liebe nicht durch eine Beleidigung oder aus Frustration heraus beschmutzen. So dreht ich mich zu ihr um.
„Wolf, ich habe ein Verlobungsgeschenk.“
„Rosy, das ist jetzt so überraschend für mich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Schließe für einen Augenblick die Augen. So. Und jetzt aufmachen.“
Ich konnte nicht mehr an mich halten. Da stand auf einem kleinen Beistelltisch mein rotes Feuerwehrauto, die „Achtundvierzig”. Der Beginn dieser Geschichte.