tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
25. Der Gegenschlag
Kaum war ich an meinem Arbeitsplatz zurück gekehrt, erwartete mich Marianne mit der Nachricht, ich sollte mich unbedingt mit Aphrodite Himmelglück in Verbindung setzen.
„Gemach, ich brauche noch ein paar Minuten. Dann kannst du die Verbindung herstellen.“
Die Falle war bereit und ich war als das Opfer ausgesucht. Zuerst aber rauchte ich still vor mich hin. Climbimbus hatte so viele Fragen, dass ich ihn für einen Tag zurück gelassen hatte. Bei dieser Aktion konnte mir niemand helfen.
Dann meldete Marianne das Gespräch an. Mit einer Stimme, die es normalerweise nur für teures Geld am Telefon zu hören gibt, sprach die getarnte Schwarzelfe zu mir.
„Ah, Herr Bulder, wir sollten uns in den nächsten Tagen einmal sprechen.“
„Möchten Sie einen Termin machen?“
„Oh, ich bin zur Zeit alleine zu Hause, mein Mann ist auf Geschäftsreise. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie mich vielleicht hier aufsuchen könnten?“
„Wie sieht es mit morgen aus?“
„Sagen wir, dreiundzw..., ich meine, achtzehn Uhr? Herr Bulder?“
Sie schmolz wie Zartbitterschokolade, die man auf der Ablage im Auto vergisst, während es Hochsommer ist.
„Einen Augenblick.“ Ich tat sehr geschäftig, aber eigentlich wollte ich das alles nur hinter mich bringen.
„Frau Himmelsglück?“
„Ach, bitte, sagen Sie doch Aphrodite zu mir.“
„Gut, dann sagen Sie Wolf.“
Ich hörte ein Krächzen.
„Bis morgen. Wooolf.“
„Ja, bis morgen.“ Mir war irgendwie ganz anders. Hork an den Hork hatte das Gespräch über den Lautsprecher verfolgt.
„Dieser Trottel. Dieser dumme Mensch. Das wird mir morgen ein Vergnügen bereiten, ihn mit Daumenschrauben und glühenden Zangen zu bearbeiten.“
„Abwarten. Zuerst bin ich dran. Wenn er meine wahre Gestalt sieht, sollte das reichen, ihn zum Reden zu bringen.“
„Aber lasst mir etwas von ihm über. Ich habe noch eine Rechnung offen.“
Das Lachen klang wie ein Todesschrei eines beborischen Eichhörnchens. So was haben Sie noch nie gehört. Seien Sie froh, dass geht durch Mark und Bein.
„Ach, das hat der Bote von Eichenlaub gebracht. Die neuen Gesetzentwürfe.“
Aphrodite lutschte eine Vogelspinne aus, die sie auf kleinem Feuer gegrillt hatte.
„Eine Delikatesse.“
„Das Krabbelvieh?“
„Nein, die neuen Steuergesetze.“
Natürlich gingen mir am gleichen Abend die Zigaretten aus und ich wollte nicht wieder den Verrückten fragen. Also zog ich selbst los. Als ich nach meinem Einkauf am Empfang vorbei kam, fiel mir auf, dass Sunnyboy nicht da war. Vielmehr erspähte ich einen Riesenkerl, einen Muskelberg, Glatze, glatt rasiert, einen Ohrring links und in eine Art Matrosenhemd gezwängt.
„Wo ist unser Bruder aus Miami?“
„Guten Abend. El hat flei genommen. Sein Klokodil hat Zahnschmelzen.“
„Äh, alles korrekt bei Ihnen?“
„Alles kollekt. Ich dalf mich volstellen? Ploppel, Meistel Ploppel, von del Agentul ‚Wisch & Mob‘.“
Ich war lange genug im Auslandseinsatz gewesen, um sofort zu begreifen, dass der Gute eigentlich Chinese war, wenn er auch nicht so aussah. Er sprach anstelle von „R” das klassische „L”.
„Ich will nicht indiskret werden, aber Sie haben eine ganz besondere Ausdrucksweise. Als Asiat hätte ich Sie jedoch nicht eingestuft.“
„Sie haben vollkommen lecht. Ja, ich wulde in Chinatown gebolen, mein Vatel wal Plivatelmittlel. Dann abel hat el seine Nase zu tief in eine Sache gesteckt, und man hat ihm die Nase abgeschnitten. Ich wulde als Kind dann velkauft und bin in Shanghai gloss gewolden.“
„Aha, wie intel..., äh, interessant. Groß geworden, das kann man wohl sagen.“
„Ich habe eine Kalliele gemacht, elst Tellelwäschel, dann elstes Wäschel am Olt. Weil ich immel Hungel hatte, kliegte ich Latten zum Essen. Das hat mich so stalk gemacht.“
„Schön, Sie kennen zu lernen. Bulder. Wolf Bulder.“
„Ich weiß. Sunny hat mil viel von Ihnen elzählt. Hol den Golf, Wolf. Haha.“
„Ach ja, so ein Amerikanochinese hat echten Humol!! Haha.“
„Das hat del Climbimbus auch immel gesagt. Gutel Fleund von mil. Ich habe ein halbes Jahl dolt gelebt, danach gab es keine Latten mehl im Olt.“
Ich nickte eifrig. Dieser Typ war eine Klasse für sich. Während wir die kurze Unterhaltung geführt hatten, war er mehrfach mit einem Putzlappen über die Theke gefahren und hatte zudem den Boden gewischt. Blitzeblank.
„Echt propper. Das nenne ich, den Laden im Griff zu haben.“
„Ich danke Ihnen sehl. Leinigen ist wie ein Stück von mil. Wenn Sie den Wunsch haben, leinige ich auch Ihl Bülo. Ploppel, velsteht sich.“
„Bei Gelegenheit gerne, denn meine Putzfrau lässt zu wünschen übrig.“
„Hat bestimmt das falsche Leinigungsmittel. Velgessen Sie diesen ‚Genelal‘.“
Ich winkte zu Abschied. Wo kriegen die nur solche Leute her? Doch irgendwie kam mir das Gesicht bekannt vor, dieses feiste Grinsen, die verschränkten Arme vor der Brust. Vermutlich wieder nur so ein Deja Vu.