tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
22. Wachablösung und weitere Geschehen
„Niemals!“ Die Stimme donnerte wie ein Vulkanausbruch und die Gläser auf den Tischen des Veranstaltungshotels schwappten über, als die Hand zur Faust geballt auf die adrett gedeckte Resopalplatte schlug.
„Das könnt Ihr mit dem ‚Goss der Gosse‘ nicht machen! Niemand macht mich hier zum Büttel!“
„Hans hat recht. Alleine kriegen wir nie das Projekt ‚23‘ hin. Denke nur mal an diesen Mögelpackmann, der wollte die ‚18‘ durchsetzen und fiel ungebremst vom Himmel.“
„Nicht nur dass, du Einfaltspinsel, er schlug auch noch auf!“
Noch einmal erschütterte ein Schlag die Tischplatte.
„Du musst deine Bedürfnisse hinten anstellen. Bloß, weil deine vorletzte Ehefrau dich mit Currywurst und Bier in der Hand ertappt hat und dich dann auf Diät setzte, sind nicht alle Frauen schlecht.“
Beifälliges Gemurmel.
„Dann nenne mir eine!“
„Was bitte, Frau oder was?“
„Nein, Alternative, du Dummdoofkopp.“
„Einen ausgewählten Aufsichtsratjob. Ganz großes Dingen!“
„Und du darfst dich noch einmal vor laufenden Kameras so richtig gehen lassen. So richtig arrogant sein, so richtig abschätzig. So richtig ekelig.“
Schweigen im Walde. Der Abschusskandidat dachte nach.
„Vor allen? Und da wird nichts geschnitten?“
„Nein, es ist doch eine Live-Übertragung auf allen großen Fernsehsendern. Und du lässt so richtig die Sau raus!“
„Gemacht. Gut. Aber was ist mir dir, Hans?“
Hans Eichenlaub hatte so viel Prügel eingesteckt, dass er nur noch von seinen Pfründen leben wollte. Mit der neuen Freundin. Und überhaupt hatte er schon einen Urlaub gebucht, im „Wald des Vergessens”. Seinen Nachfolger hatte er bereits bestimmt, was wollte er noch mehr?
„Dann werden zwei Helden die Arena noch einmal betreten.“
„Und wir haben vier Jahre Ruhe vor dem Wahlvolk. Bis dato sind sie alle so im Griff, dass wir ungebremst die Reformen lassen können, wo sie sind. In den Schubladen.“
Der Goss der Gosse lächelte weise. „Und ich bin ganz oben, tja, das kommt davon, wenn man ordentlich an Zäunen wackelt.“
Spontan erhoben sich die Mitglieder der Versammlung zu einem tosenden Beifall.
„Freunde, ich werde euch, und das dürft ihr wörtlich nehmen, echt Gas geben.“
Während dieser Versammlung hatte ich mich in meinem Büro eingefunden und schenkte meinem Goldfisch zum Geburtstag eine Wasserpflanze.
Blumen waren nicht so sein Ding. Dann zog ich mir die abgewetzten Schuhe aus, um ein Fußbad zu nehmen. Genüsslich griff ich nach einer Zigarette.
Entschuldigung, habe ich das Wort „genüsslich” benutzt?
Ha, nicht nur, dass Schleichwerbung für Rauchen nicht politisch korrekt ist, es ist gar kein Genuss. Die nackte Gier, die blanke Sucht, das treibt mich an. Der Sargnagel, der sich zwischen meinen Lippen befindet, ist alles andere als ein Genuss! Ein verkappter Steuereintreiber, denn neben Tabaksteuer auch noch Umsatzsteuer auf Lungengift!
Rauchen für Deutschland, damit wenigstens ein paar Euro in die Kassen kommen. Husten für Deutschland, damit wenigstens ein paar Ärzte ihre Praxen beibehalten können. Warum soll wohl in Wirtschaften ein Rauchverbot eingeführt werden? So, wie an Bahnhöfen und öffentlichen Einrichtungen?
Nein, nicht als Kampagne gegen das Rauchen, sondern, damit die Leute mehr qualmen! Der sogenannte Vorrauch-Effekt, also fünf Kippen von vorneherein mehr rauchen, weil man ja weiß, in der nächsten Zeit geht es nicht.
Ist doch wie mit dem Benzin, ein Konsortium von Ölscheichs und Regierungen des Westens haben einer Konstrukteursfirma das Patent für das 0,5 Liter-Auto (Verbrauch auf 200 Kilometer) schon 1971 abgekauft, damit endlich der Ölschock kommen konnte. Damals, 1973, drohte der Krieg im Nahen Osten zu eskalieren, doch kaum ein Deutscher hätte sich vorstellen können, die Bundeswehr wäre dort eingeschritten. Also gab es Bestrebungen, eine damals deutsch-deutsche Truppe (BRD und DDR) aufzustellen, um die Interessen der Ölverbraucher zu sichern. In Rostock und Koblenz wurden schon Tropenhelme eingelagert. Natürlich streng geheim, denn offiziell waren wir ja ein geteiltes Deutschland. Öl aber verbindet, die einen, die es brauchten, um ihre Kraftfahrzeuge zu bewegen, und die
anderen, die aus Erdöl Kunststoff gewannen, aus denen sie ihre Autos bauten. Tja, ich habe auch gestaunt, als ich diese Geheimabsprachen zwischen Stasi und BND im Archiv fand.
Aber zurück zu meinem Nikotinmissbrauch. Wann hatte das eigentlich angefangen?
Ich denke, im Internat, als ich schlaflose Nächte hatte, da ich grübelte, wo denn mein Feuerwehrauto, die Achtundvierzig, abgeblieben wäre. Wenn ich mich recht erinnere, war es der dicke Bernd, der mir eine Zigarette unter die Nase hielt.
Versonnen schaute ich auf die Verpackung. Na klar!
Mein Großvater und seine Lebensweisheiten. Eine davon war: „Junge, manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht.“
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Was stand da geprägt?
„Harvest 23”. Natürlich. Die ganze Geschichte mit der Achtundvierzig war ein Ablenkungsmanöver. Man versucht, der Kabbala gleich, Zahlen als mystisches Etwas zu ver- oder entschlüsseln. Bingo!
Die Harvest 23 war also der Beginn. Die Dreiundzwanzig. Wie oft war ich ihr begegnet, als Bahnsteig, als Buslinie, als Zusatzzahl beim Lotto.
Nie hätte ich gedacht, wie gefährlich sie wirklich ist.
Marianne brachte Kaffee und einen tragbaren Fernseher, damit ich so richtig entspannen könnte.
„Wolf, du hast noch einige schwere Aufgaben zu lösen. Ich möchte dich etwas verwöhnen.“
„Oh, mein Goldstück.“
So wiederum hatte sie es auch nicht gemeint und ich nahm meine Hand aus ihrer Bluse.
„Ein anderes Mal vielleicht, aber ich habe mich mit Mrs. Climbimbus zum Aerobic verabredet. Sie ist wirklich in Topform.“
Ich starrte Marianne wie das Achte Weltwunder an, denn außer Mr. Climbimbus hatte noch niemand Mrs. Climbimbus in der Realität gesehen.
„Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend.“
„Dir auch.“ Sie warf mir eine Kusshand zu. Oh, ihr alten Gene. Ihr wilden Hormone. Wisst ihr denn nicht, was ihr mit einem Mann so anrichten könnt?