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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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J.B. Deluder: Die Kronkorkenverschwörung (33)

 

19. Entscheidungen


D
er Gong wies die Teilnehmer der Konferenz darauf hin, dass die Zigarettenpause beendet war. Noch ein paar hastige Züge und dann war auch der letzte Glimmstengel in dem Massengrab Aschenbecher abgelegt.

Man hätte über die Vergänglichkeit nachdenken können, aber nicht in Gegenwart von Hans Eichenlaub, der sich mit einem kleinkarierten Taschentuch die Stirn abtupfte.

Wir sehen die unbedingte Notwendigkeit, nicht nur die Lebensarbeitszeit, sondern auch die Wochenarbeitszeit drastisch zu erhöhen. Das Mittel hierzu wird sein, den Konjunkturmotor so in Rage zu bringen, dass die Konsumentenwünsche nur über Zusatzeinkommen, also Überstunden, zu realisieren sind. Wer plötzlich ohne Fernseher, Radio oder Kühlschrank dasteht, weil die Einsatzgruppen der ‚AIA‘ diese entfernt haben, wird unweigerlich in die Hände spucken.“

Na, ist das nicht nur Wunschdenken?“ fragte ein Skeptiker aus den Reihen der Wirtschaftsweisen, die ebenfalls zu der Besprechung geladen worden waren.

Keineswegs. Denn in Verbindung mit der vergünstigten Abgabe von Getränken der Firma ‚Drink-King‘ wird das Bewusstsein ein wenig ausgehöhlt,“ kam B. Reuer seinen Chef zur Hilfe.

Ein Vertreter der Kirchengemeinde meldete moralische Bedenken an.

Ach, jetzt auf einmal so. Da predigen Leute wie Sie Wasser und trinken Wein und auf einmal haben Sie wieder diesen Samariterdingsbums. Noch nie, und ich betone dies, noch nie hat sich eine Glaubensgemeinschaft, die Kirchensteuer erhält, über die Ethik von Steuerrecht ausgelassen. Wir dienen dem Gemeinwohl, wenn wir gewisse, ich nenne es Vitamine, in die Produkte geben.“

Ja, aber...“

Wir kassieren Alkoholsteuer, Tabaksteuer und Mineralölsteuer. Suff führt zum Tod, ebenso Nikotin und zu schnelles Autofahren. Und? Haben Sie den Zeigefinger erhoben?“

Betretenes Schweigen im Versammlungsraum.

Wenn die Menschen bereit sind, mehr Arbeit für weniger Geld zu leisten, ohne das zu wissen, ist es doch das gleiche, was Sie alle in Ihren Gemeinden betreiben. Sie haben alle Kollekten und jeder zahlt ein, weil er glaubt, so einen besseren Platz im Himmel zu bekommen. Nur, glauben ist doch nicht wissen, oder?“

Hans Eichenlaub legte eine rhetorische Pause ein und vernahm das zustimmende Gemurmel. Dann erhob er wieder seine Stimme: „Wir wollen aber auch, dass die Ungerechtigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten aufgehoben werden, deshalb bezahlen die evangelischen Geistlichen, die ja heiraten dürfen, eine kleine Ausgleichssteuer, eine Vergnügenssteuer, mit der wir die Zölibatlinge unterstützen.“

Nun aber zurück zu dem Plan. Durch die Mehrarbeit wird das Gehalt zunehmen, sodass wir die Zuschläge für diesen Lohnanteil anheben. Schon wieder haben wir mehr Geld in der Kasse.“

Einer der Elite der deutsche Ökonomie, Vertreter für Hoch- und Tiefbau, war noch nicht überzeugt: „Und was hat unsere Branche davon?“

Hans hatte so manches Elixier der „Dunklen Macht” zu sich genommen und war daher mit allen Wassern gewaschen.

Mittelfristig sehr viel. Dazu habe ich noch einen Referenten eingeladen, der gleich zu uns stoßen wird.“

Tatsächlich pochte es an der Tür und Hans rief: „Tritt ein, wenn es kein Schneider ist.“

Ein älterer, gut situierter Herr, der es wie kein anderer verstand, seine Hände überall drin zu haben und dennoch dieselben in Unschuld zu waschen, trat auf Eichenlaub zu.

Ah, guten Tag, Herr Schneider!“

Ordnungsgemäß klopften die Delegierten auf die Tischplatten.

Mit einer formvollendeten Verbeugung wandte sich Herr Schneider dem Auditorium zu.

Meine Damen und Herren, Arbeitslosigkeit und 35-Wochenstunden haben dazu geführt, die Freizeit viel zu langweilig zu machen. Das Singledasein gehört ebenso zu dem Fluch der Moderne. Wir werden erleben, dass die Menschen umdenken. Wer fast achtzehn Stunden am Arbeitsplatz verbringt, hat geringere Wünsche, ist froh, Fernsehen, Computer und andere Gerätschaften zu besitzen, anstatt eine riesige Wohnung, die es zu putzen gilt.“

Ja und? Was hat das mit der Bauwirtschaft zu tun?“

Nun warten Sie doch ab,“ maßregelte Hans Eichenlaub den Störer. „Noch einmal ungefragt dazwischen rufen und Sie stehen in der Ecke!“

Zuerst werden Singles gezwungenermaßen zusammen ziehen, das bedeutet, Wohnraum wird frei gemacht. Dann werden die Energiekonzerne feststellen, oh, wenn die Menschen so lange außer Haus sind, verbrauchen sie weniger Energie. Nutzen wir unser Monopol und passen die Preise an. Nach oben.“

Der vorlaute Vertreter der Baubranche flüsterte mit dem Tischnachbar, was B. Reuer mitbekam und an seinen Chef weitergab.

So, das gibt einen Tadel ins Klassenbuch!“ frohlockte Hans Eichenlaub.

Danach herrschte Ruhe und alle folgten der Ausführung von Schneider.

Die Nebenkosten, davon leben die meisten unproduktiven Vermieter so wie so, werden weiter steigen und noch mehr Leute ziehen zusammen, um die Kosten aufzuteilen. Das bedeutet, noch mehr freie Wohnkapazitäten Und dann kommen Sie zum Zuge.“

Allgemeine Verwirrung machte sich breit. Lag hier nicht ein Widerspruch vor? Ein Überangebot an Wohnraum sollte der Bauwirtschaft dienen?

Sie erhalten Aufträge, die alten Häuser und Mietskasernen abzureißen und dann neue Gebäude zu errichten. Schließlich brauchen wir für die neuen Verwaltungsstellen der ‚AIA‘ und weiteren Behörden neue Büros und Verwaltungseinheiten, Archive und Computerräume, Stellen für die Anlieferung und Zwischenlagerung beschlagnahmter Gebrauchsgüter. Und das Parlament wird um fünfhundert Abgeordnete vergrößert, entsprechend die Diäten erhöht und bis zu dreitausend Staatssekretäre eingestellt. Allein diese gehobene Einkommensschicht möchte doch nicht in alten Wohnungen hausen.

Wer es sich leisten kann, der lässt sich ein Eigenheim errichten.“

Genial. Das ist das Perpetuum mobile der modernen Volkswirtschaft.“

Und das alles kann dieser besondere Saft?“

Dank unserer Verbündeten von der ‚Dunklen Seite des Mondes‘.“

Nur, welchen Preis haben wir dafür zu zahlen?“ wollte eine Frau wissen, die ordentlich die Hand gehoben hatte und somit wohlwollend das Wort erteilt bekam.

Möglicherweise sitzt demnächst ein Troll in Ihrem Aufsichtsrat.“

Hans Eichenlaub sagte dies ohne jede Gefühlsregung.

Immer noch besser als ein Arbeitsdirektor,“ gab die elegant gekleidete Dame zurück und erhielt murmelnde Zustimmung.

Hans Eichenlaub bat nun alle Teilnehmer, sich von den Stühlen zu erheben und sich bei der Hand zu nehmen.

So, dank eines genialen Künstlers der Volksmusik, der alsbald in das Amt für Volkswesen und kulturübergreifende Musik wechseln wird, werden wir die Geburtsstunde unseres Kampfliedes erfahren.“

Der Ex-Pädagoge Hans Eichenlaub wusste, wie wichtig eine Identifikation für eine Gruppe war, um sie zu einem homogenen Gebilde zusammen zu führen.

Shreino, bitte kommen Sie herein.“

Die Gestalt eines mittelalterlich gekleideten Bänkelsängers mit einer dunkelblauen

Sonnenbrille und einer elektroverstärkten Laute wirkte anfänglich etwas ungewöhnlich, aber dieses Lachen und diese Lebensfreude des modernen Troubadours steckte die versammelte Wirtschaftselite an wie ein weiterentwickelter Vogelgrippevirus.

So, ich gebe ein C vor und dann singen wir alle: Und dann schlachten wir unser Oma ihr klein Sparschwein, ihr klein Sparschwein....“

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