tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
8. Mrs. O'Brien
Donnerstag - morgen würde er abreisen. In einer Stadtkarte suchte er die Straße, aber fand sie nicht, weil die Namen sehr klein gedruckt waren.
Zwanzig Minuten dauerte es, bis er einen Mann traf, der ihm weiterhelfen konnte. Seine Anweisungen befolgend streifte Martin durch die Stadt. Die Orientierung fiel ihm bisweilen schwer.
Letztendlich fand er das Haus. Beschaulich der Vorgarten, die Tür blau gestrichen. Mehrmals klingelte er und klopfte an, doch niemand öffnete.
Ängste übermannten ihn! Anmaßungen! Was geschah hier?
Keine Antworten - keine Antworten in ihm. Martin sah sich um, die Häuser unterschieden sich nur durch die Farbe der Eingangstüren und Hausnummern. Er bereute sein Zögern. Morgen wird das Flugzeug starten; er wollte nicht dabei sein, denn er fürchtete sich vor dem Alltag. Auf eine Treppenstufe ließ er sich nieder, stemmte seine Fäuste gegen die Backen. Schwerfällig bedeckten die Wolken den Himmel, färbten ihn grau und schwarz.
Unterdessen kam eine Frau aus dem Nachbarhaus, die auf ihrem Hund einredete. Martin sprach sie an. Die Leute, die hier lebten, seien umgezogen, erst seit einigen Wochen und die neue Anschrift war ihr bekannt.
Kurzum schrieb er sich die Adresse und Wegbeschreibung auf und eilte zur Bushaltestelle.
„Viel Glück!“ wünschte ihm die Dame. Martin kannte sie aus Erzählungen. Als er sich aufmachte, sah sie ihm nach. „I am Mrs.O'Brien.”
9. Dublin wartet
Martin rieb sich die Augen. Der Flug hatte ihn angestrengt. Montags würde er wieder arbeiten, unangenehm schlich sich dieser Gedanke ein.
Rolf würde ihn erwarten, wegen seiner Reise belächeln, aber nicht auslachen.
Daheim würde er nach dem Zettel sehen, auf dessen Rückseite Lucys neue Adresse und ein Gedicht notiert waren.
Dublin - ich werde wiederkommen. Meer, Strand, Wind, Kultur, die Menschen in Irland, Martin dichtete über die versteckten Schönheiten.
Einer Beschreibung wert war ihm die Ästhetik der Irrwege. Krieg – Frieden, Religion – Mystik, Leben – Tod. Widersprüche sollten von nun an sein Schreiben bestimmen, stärker denn je zuvor.
10. Rolfs Fund
Über eine Stunde dauerte die Messe. Rolf saß in der zweiten Reihe.
Lächelnd nahm er ein kleines Heft aus seiner Jackentasche, legte es unter seine Bibel. Nur eine Handvoll Gläubiger füllte heute die Bänke. Nach der Messe schritt er zur Kanzel vor, denn erwartete auf Pater Lorenz.
„Ach, Rolf, was kann ich für dich tun?“
„Ihr werdet es mir nicht glauben.“
„Mein Kind, wie du dich freust.“
„Hier, um dieses Gedicht geht es.“
Pater Lorenz holte seine Lesebrille aus der Sakristei. Nach einer Weile wandte er seinen Blick ab, sah zu Rolf rüber, der die Lippen verzog.
„Ja, unser Martin.“