tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
V Die Kritikschrift
Energisch schlug er die Tür hinter sich zu, fegte Papier und Stifte vom Schreibtisch und platzierte eine abgegriffene Tastatur auf der Holztafel.
Lukas begann zu tippen:
„Lieber Großvater,
mein Leben habe ich dem Schutz der Umwelt und der Tiere gewidmet
Ich habe Protestaktionen organisiert, war bei Märschen dabei und stand immer weit vorn. Das bedauere ich nicht, ich lerne momentan eine andere Form des Widerstandes. Ja, mir wird bewusst, dass diese Einstellung genau so egoistisch ist wie die eines Künstlers, weil sie auf Selbstdarstellung beruht. Nur wenn wir das Niveau unserer Meinung im politschen
und kulturellen Leben steigern können – seien es Artikel, Bücher oder eben Kunst – sind wir auch im Stande, den Widerstand zum Erfolg zu führen. Diffamieren sich die Parteien gegenseitig, wird eine Annäherung nur noch schwieriger sein. Fortschritte sind zu loben und nicht etwa als Enttäuschung hinzunehmen.
Stets stand diese Aufgabe, die Rettung unseres Planeten, im Zentrum meines Lebens, meines Wirkens. Nun weiß ich, dass ich keine Schuld auf mich nehme, wenn ich mich der Malerei widme, kein Versäumnis begehe.
Im Extremen habe ich gesucht und festgestellt, dass der Widerstand von innen zu kommen hat. Erst gestern habe ich einem Unternehmer eines meiner Landschaftsbilder verkauft. Er war freundlich, las sich sogar einen meiner Flugzettel durch. Der Wille zur besseren Welt muss aus der Gesellschaft kommen. Niemand bringt es fertig, sich gegen jeden und alles aufzulehnen. Eine Leere drängt sich mir auf. Die Zeit, die ich nicht in meine Kunst gesteckt habe, scheint mir vergebens. Zudem fehlt mir ein Konzept, eine Anleitung ...“
Nachdem der Brief ausgedruckt und verschickt war, bearbeitete er den Text am Computer weiter, strich die überflüssigen Stellen und die Anreden und ergänzte wenige Sätze. Wieder und wieder überflog er die Zeilen, schrieb den Brief in eine Kolumne um. Schließlich übertrug er den Text und lud ihn auf die Internetseite seiner Tierschutzgruppe, zu der
auch Peter und Emma gehörten, hoch.
VI Mut und Rüge
Nächste Woche war Lukas auf eine Feier eingeladen. In sich gekehrt stand er vor dem Lagerfeuer. Um ihn herum die Konturen des Waldes, die sich im Schwarz verloren. Während er in den Nachthimmel starrte, bemerkte er nicht, dass Emma sich ihm näherte. „Durst?“
„Ja, danke – nett von dir.“ Lukas nahm das Glas in die Hand.
„Was ist das?“
„Sekt und LSP.“
Kurz zögerte er, dann leerte er es aus.
„Lukas, du alter Spießer.“
„Nein, Emma ...“
„Du bist nicht mehr derselbe. Erst verkauftst du einem miesen Firmenboss ein Bild und dann das mit diesem Text, den du ins Netz gestellt hast.“
„Den Sekt trinke ich.“
„Versteck dich lieber hinter deinen Keilrahmen.“
„Wenn wir Drogen nehmen, macht das die Sache auch nicht besser.“
„Ich dachte, wir würden für die gleiche Sache kämpfen. Offensichtlich gehörst du nicht mehr zu uns.“
Peter ging auf die beiden zu. Daraufhin drehte sich Emma um und ging davon. „Den kannst du abschreiben.“ Einige Minuten starrten sie schweigend in den Nachthimmel.
„Lukas, in den nächsten Wochen bist du wieder dabei.“
„Peter diesmal nicht.“
„Ich habe meine Meinung geändert.“
„Wie meinst du das überhaupt?“
„Ich werde es ruhiger angehen. Peter, ich möchte mich ganz meiner Kunst widmen, meine Werke ausstellen.“
„Ach was, das eine schließt das andere doch nicht aus.“
„Mag sein. Aber was ich auch immer suche, das finde ich nicht in Deutsch|land.“
„Dann bist du offiziell raus. Doch gewöhn dich nicht zu sehr an die Ruhe.
Irgendwann geht's weiter. Deinen Eintrag auf unserer Homepage muss ich leider löschen.“
Lukas rückte seine Brille zurecht und schwieg lange.
„Ich fahre gleich morgen.“