tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
14. Charles, der Maurer
„Achtung, Personenalarm der Stufe Schwarz. Achtung, Personenalarm der Stufe Schwarz!“ kreischte eine künstlich erzeugte Stimme und ich sah in ernste, betroffene Gesichter.
„Da hast dieses Miststück von Nachtelfe ihre Finger drin!“
Allgemeine Empörung, doch Dreadlock Mannox blieb einfach nur – cool.
„Hey, Leute, keine Panik. Ich verteile jetzt an jeden eine „Fat Mama”, die wir rauchen, sobald er erledigt ist.“
Auch ich, der jetzt zu den Zwergen gehörte, bekam meine Zigarre verpasst.
„Jack, vergessen wir einmal die Kröte, die ich geschluckt habe, was geht hier ab?“
„Hey, es war ein Frosch, ich heiße doch nicht Catweazle.“
„Ja, ich wollte deinen Freund nicht beleidigen.“
„Freundin.“
„Oh, bitte, Jack.“
„Nur der Ordnung halber.“
Ich war schockiert, aber nach einer kurzen Tanzeinlage, die er nebenbei gesagt einem gewissen Michael Jackson beigebracht hatte, war Jack der Alte.
„Es gibt einen Zwerg, dem eine Blutspur folgt. Ein Massenmörder, gegen den der verrückte Gnom Freddie Drüger ein Schlappmann ist.“
„Weiter bitte.“ Die Spannung stieg unerträglich an.
Hektik machte sich breit, der ganze Apparat glich einem Ameisenhaufen.
Überall um mich herum telefonierten Zwerge oder verschickten Emails.
Die Sicherheitsvorkehrungen wurden verstärkt und Snowey in einen sicheren Stollen, wie man sagte, verbracht. Ebenso meine Eltern.
„Charles, der Maurer. Er begann als Flower-Power Zwerg in San Francisco, bis er irgendwann Stimmen hörte. Reale Stimmen, denn sie waren von den Vorboten der ‚Dunklen Macht‘. Auf sein Konto gehen bisher fünfundsiebzig Morde, nicht gerechnet die Taten an Halloween, denn die stehen in einer anderen Statistik. Sein Markenzeichen ist ein roter Regencape.“
In diesem Augenblick gefror mir das Blut in den Adern. In meiner Erinnerung kramte ich nach einem Bild, das zu meinem Angstschweiß passte. Eine Ahnung der Gefahr, in der ich mich befunden hatte, löste einen Schwall an Gedanken aus.
Wo? Wo war es gewesen? Komm’ schon, Erinnerung!
„Jack, ich befürchte, ich habe vor einigen Jahren einen Fehler gemacht. Mir fällt es wieder ein, ich war damals in Venedig stationiert und während ich mit einigen Freunden herumgondelte, fiel mir mehrfach ein Kind auf, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, das einen solchen roten Regenschutz trug. Ich habe mich damals nur gewundert, warum es ein solch altes Gesicht hatte.“
„Das war Charles, der Maurer! Du bist ihm entkommen, ohne es zu ahnen.“
„Lag das vielleicht daran, dass ich einen Hang zum Knoblauch habe?“
Jack überlegte kurz. „Das könnte es sein.“
„Er ist dagegen allergisch?“
„Nein!“ Jack war empört. „Seitdem du Olivia de Havilland geküsst hast, muss die Arme kotzen.“
„Olivia de Havilland?“
„Ja, sie ist ein Geschenk von Clark Gable.“
„Windige Sache.“
Jack schaute mich an: „Kann man so sagen. Doch zurück zu dem Maurer. Was ihn fertig macht, ist keine Waffe in dem Sinne, sondern man muss ihn ein Loch in den Bauch fragen.“
„Jack, jetzt ist keine Zeit, Witze zu machen!“
Mannox kam zu uns herüber.
„Leute, was ist denn?“
Wir beide wollten unser Elend beklagen, aber Mannox blieb souverän und bat um Handzeichen.