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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Manuel Göpferich aus "Grüne Windmühlen" (12)

 

EIN VERSUCH ÜBER DIE WEIDEN


Am Bachlauf genießen die Weiden ihren Lebensabend. Gemeinsam zehren sie vom ockerfarbenen Wasser des Baches, der in den Rhein fließt.

Den rauen Ostwinden verleiht das Blätterwerk eine Stimme, ein durchdringendes,

monoton werdendes Klangmeer.

Einige Weiden liegen danieder, hielten der Gewalt des letzten Unwetters nicht mehr stand. Nun werden sie von hochwachsenden Brennnesseln umschlungen und bieten jungen Pflanzen Schutz. Hier sammelt sich das Tau- und Regenwasser. Mancher Stamm wurde von Menschenhand zersägt, andere Weiden fristen ihr Dasein als geborstene oder astlose

Gestalt, traurig in die Leere starrend. Eine Regeneration scheint nach den Sturmschäden unmöglich. Frische Triebe sprießen und setzen sich dem entgegen, selbst aus beiseite gerollten, zerteilten Stämmen wagen sie sich ans Tageslicht. Markierungen wurden an ihnen angebracht, doch bisher hat sie niemand abtransportiert.

Weiden warten, nutzen ihre Gelegenheit. Walnuss, Ahorn und Kirsche erhalten den Vortritt, ehe die Weiden wieder aufholen und sich mit gleicher Widerspenstigkeit Disteln und Kletterpflanzen entgegenstellen. An freien Plätzen am Hang wuchert das Unkraut.

Erbittert kämpfen die Weiden um das Licht über dem schmalen Flussbett.

Leichte Wellen verwerfen den Schatten, den die Baumkronen auf die Oberfläche abbilden.

In grau-braunen Lehm gehüllt, strecken die Äste ihre mandelförmigen Blätter ins Wasser. Treibgut bleibt an den Zweigen hängen, meist Zivilisationsmüll. Manchmal bildet sich gelber Schaum.

Flüsse und Bäche sind ihre Nahrung und Ergötzung. Landschaften durchschneiden sie, kündigen Hügel, Weinberge und Wiesen an. Früh teilt sich der Stamm, bildet Wülste und Vernarbungen. Ihre Wurzeln festigen das Erdreich. Jahrzehnte ertragen sie die Widrigkeiten, bis der Blitzschlag oder das Gewicht der Krone den Riesen zu Fall bringt. Weiden sind unnachgiebig.

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