tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Wir erreichten ein dunkles Gebäude, das durch eine Lichtschranke bedingt plötzlich hell erleuchtet wurde. Mehrere Videokameras erfassten uns und in ein verstecktes Mikrophon hörte ich Rosy Tosy sprechen: „Fahrstuhl, öffne dich.“
„Was, so einfach ist das?“
„Warte ab, denn im Innern ist ein Bioprompter eingebaut. Wenn deine Innereien nicht mit dem Scannerbild überein stimmen, ist dies der Aufzug in den Tod.“
„Ja, das hätte ich damals gebraucht, als die von der Wega auf der Erde waren.“
„Tut mir leid, später dazu mehr.“
Die Fahrstuhltür war nur eine Attrappe. Hinter mir hörte ich das Geräusch von Pressluft und eine feuchte Wand voller Schimmelpilze gab den Aufzug frei.
„Bitte nach dir,“ wies mir Rosy Tosy den Einstieg an. Überall leuchteten Dioden und ich wagte nicht, nur irgendeinen Knopf zu drücken.
Als könnte Rosy Tosy meine Gedanken lesen, lächelte sie freundlich:
„Es geht alles voll automatisch. Halte dich fest.“
In einem Affentempo, dem freien Fall gleich, rasten wir in die Tiefe. Ich hielt mich nicht nur an den Griffen fest, ich klammerte mich daran.
In Einem waren die Zwerge nicht besser als unsere zukünftigen Menschen.
In den hochmodernsten Raumschiffen, ausgerüstet mit Hyperantrieb und Dimensionensprung, Energieschutzschildern und Protonenkanonen gab es nicht einen Sicherheitsgurt. Seit der Zeit der betagten Orion VIII flogen die Raumkreuzer durch Schwarze Löcher und jedes Mal wurde die Besatzung samt Kommandant durchgeschüttelt und durch das interstellare Flugschiff geschleudert.
So und nicht anders erging es mir in diesem Fahrstuhl, mir war hundeelend, als das Reisegerät endlich stoppte.
Rosy Tosy schien der Ausflug mehr Spaß gemacht zu haben, denn sie eilte zum Portal, in dem zwei bis an die Zähne bewaffnete Zwerge Wache hielten.
Ja, niemand anders als zwei Zwerge in Tarnuniform und ordentlich gestutzten Bärten. Sie nahmen Haltung an und ließen uns passieren, denn die Berechtigung für unser Dasein war schon längst überprüft. Die Wände waren metallisch ausgekleidet und überall erkannte ich Kameras. Nach knapp zwanzig Metern hielten wir vor einer Panzertür, die die Aufschrift „Zentrale“ trug. Wie aus dem Nichts fuhren metallische Greifer aus der Wand und hielten uns fest. Eine Sonde kontrollierte uns noch einmal. Erst dann teilte sich das silbernblaue Portal und wir konnten eintreten. So stellt man sich eine Kommandozentrale vor, ein Rund voller Monitore und Schalttafeln, Computereinheiten und Tastaturen und der obligatorische Becher Kaffee, aus dem stilgerecht Dampf aufsteigt. Nur waren nahezu alle Arbeitsplätze
von Zwerginnen und Zwergen besetzt und in der Mitte des kreisrunden Raumes hockte auf einem Portal, umgeben von einigen Stabsoffizieren, der Kommandant, niemand geringerer als Dreadlock Mannox.
Können Sie sich einen Zwerg in Tarnuniform vorstellen, am Gürtel ein Handy, eine Taschenlampe und eine Pistolentasche befestigt, der Dreadlocks trägt wie einst der überaus populäre Bob Marley?
Seine dunklen Augenbrauen waren zusammen gewachsen und sein Gesicht glatt rasiert. In seinem linken Ohrläppchen erkannte ich einen funkelnden Diamanten.
„Ah, da seid ihr ja.“ Er sprang aus seinem Nappaledersessel und trat mit festen Schritt auf uns zu. Sein Lächeln nahm ihm etwas von seiner Exotik, aber jeder Zwerg, den er passierte, nahm Haltung.an.
„Ich freue mich, Wolf Bulder, dass du uns gefunden hast. Wir sollten die Sprache der Freunde sprechen, ich bin Mannox.“
Er streckte mir seine Hand hin, die zwar um einiges kleiner war als meine, aber der Griff erinnerte mich unangenehm an eine Schraubzwinge.
Danach wandte er sich an Rosy Tosy. „Mein Schatz, wenn du vielleicht in der Kantine auf uns warten willst? Wir haben heute Wildschweinbraten aus den Erbish-Gebirge auf dem Speiseplan.“
„Das ist ein guter Vorschlag.“
Eine junge Zwergin in dunkelblauer Uniform und einem goldenen Abzeichen, ZIA-Ordonanz, trat herbei und fragte, ob sie mir etwas bringen dürfte.
„Oh, einen Kaffee, bitte, und vielleicht einen Aschenbecher?“
Ich hatte das Gefühl, hier gab es kein Rauchverbot, aber fand nirgendwo Zigarettenkippen.
Mannox lachte. „Wir rauchen alle Pfeife. Habe ich mir während meiner Zeit in der Karibik angewöhnt.“
„Daher auch der Kopfschmuck?“
„Meine Tarnung hatte dies verlangt, ich war Roadie bei Peter Tosh.“
„Ich hätte auf Marley getippt.“
„Nicht der Rede wert, netter Kerl, habe für ihn ‚No woman, no cry’ komponiert. Von mir hat Rosy wohl auch das musikalische Talent geerbt.“
Als Dreadlock Mannox mein Gesicht als ein einziges Fragezeichen interpretierte, fuhr er fort: „Sie ist meine Tochter. Hähä, ich habe so um die einhundertfünfzig Nachkommen. Deshalb feiern wir Zwerge auch kein Weihnachten, wer sollte all die Geschenke bezahlen.“