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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Manuel Göpferich aus "Grüne Windmühlen" (9)

 

NEUE FLAGGE


Zehn Dosen trägt er im Rucksack. Weinstöcke werfen rotes Licht auf den unbefestigten Waldweg. Roland spürt die scharfkantigen Steine unter den dünnen Sohlen. Sein Durst nimmt zu – kein Ende in Sicht. Einzig die mündliche Wegbeschreibung eines Freundes hat er als Orientierung, und diese hat ihn bereits einige Male fehlgeleitet. Schleppenden Ganges ersteigt er die Steigung. Wieder findet er einen Weinberg vor, der keinen Blick auf die nächste Kreuzung gewährt. Daraufhin beschließt er, am Waldrand entlang zu wandern, vorbei an Büschen und Lärchen führt ihn sein Weg und er erreicht verspätet sein Ziel. Hier findet seine Mutprobe statt, er soll nun die grünen Weinblätter mit grellroter Farbe besprühen, und die Trauben der Sorte Burgunder gelb färben. Unsicherheit. Im Stillen fragt er sich, ob das der richtige Abschnitt für seine Aufgabe ist.

Erneut studiert er die Umgebung und hofft auf ein Namensschild oder einen sonstigen Hinweis. Mittlerweile erreicht er den höchsten Punkt des Hügels. Eine rar befahrene Landstraße säumt den dichten Mischwald.

Von der Ferne strahlen die nächtlichen Lichter seines Heimatdorfes, besonders der Kirchturm hebt sich durch den Effekt von vier ihn anstrahlenden Scheinwerfern hervor. Dunkelheit – er schaltet seine Taschenlampe ein. Bergabwärts schreitet er und trinkt den letzten Schluck Mineralwasser. Er wirft die leere Flasche auf einen Komposthaufen.

Nach einiger Zeit scheint es ihm gleichgültig, wo er anfängt und wo er aufhört. Dann passiert er Torbögen und zieht eine Spraydose. Um welche Farbe es sich handelt, kann und will er nicht beurteilen – ein Fleck, harmlos wirkend auf einem Traubenhenkel.

Sein Mut schwindet und er kehrt um. Daheim hält ihn seine Angst wach.

Beim ersten Sonnenstrahl startet er einen neuen Versuch, riskanter als sein vorheriger. Auf dem Wanderweg begegnet ihm eine Frau, die Obst aufsammelt. Jetzt erst recht, hämmert er sich in den Kopf. Vertrauter kommt ihm die Umgebung vor, verleiht ihm ein Gefühl der Sicherheit. In ihm klingen die Worte seiner Freunde nach: Wehe, wenn er versagt! Ein

kleines Gartenhaus fällt ihm am Ende des Weges auf. Büsche ranken sich um die maroden Bretter. Über dem kegelförmigen Dach hat jemand eine Fahnenstange angeschraubt. Gemäßigt wiegt sich das Schwarz, Rot und Gold in der Morgensonne – Deutschland. Ungemein kräftig heben sich die Farben hervor, sind kaum verblasst. Mehr Flaggen als je zuvor sind seit der letzten Fußballweltmeisterschaft gehisst.

Seine Deutschlandflagge liegt daheim auf dem Dachboden. Womöglich wird er sie in geraumer Zeit wieder hervorkramen. Warum das eigentlich, wird es in ihm laut. Protest. Kurzerhand nimmt er die Tasche von seinen Schultern und versetzt ihr einen Tritt, sodass diese den Abhang hinunterstürzt

und die Dosen in verschiedene Richtungen rollen. Währendessen flüstert er: „Am mutigsten ist es, wenn man sich verweigert.“

 

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