tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
HOPFENDOLDEN
Stolz erklärte Jonathan ihr, wie man den kostbaren Extrakt aus der Dolde gewinnt, welche vier Zutaten beim Brauen des Bieres ausschließlich verwendet werden dürfen und dass es ein grober Fehler sei, eine männliche neben einer weiblichen Hopfenpflanze wachsen zu lassen, da sonst der Geschmack verfälscht werden würde.
„Tut das weh!“
Er war in ein Stück abgeschnittenen Draht getreten, der zu dem Unrat gehörte, den die Erntemaschinen auf den Straßen hinterlassen hatten.
Jonathan hatte mehrfach mitbekommen, dass die Drahtreste bereits zu platten Autoreifen geführt hatten.
„Zum Glück ist es nur eine kleine Schramme. Ich hätte doch besser meine Sandalen angezogen.“
Unbeeindruckt schritt er weiter und erzählte, während das Mädchen ihm gespannt lauschte. Sie kam aus dem Ruhrgebiet und gehörte zu einer Schulklasse. Vor zwei Tagen waren sie mit dem Bus angereist. Sie kannte sich nur mäßig mit dem Fachgebiet aus, und so stellte sie die Frage, ob der Betrieb seines Vaters auch die Wirte des Oktoberfests beliefere. Er
bejahte und berichtete von dem weltbekannten Bierfest, das er selbst noch nie besucht hatte, aber von Erzählungen und Reportagen kannte.
Zum Biertrinken war er mit seinen dreizehn Jahren noch zu jung. Als ihm der Gesprächsstoff ausgegangen war, griff er nach seinen Hosenträgern, die er nicht mehr los ließ und starrte auf den aufgerissenen Asphalt, damit er die Schlaglöscher umgehen konnte. „Hast du eigentlich ein Haustier?“, erkundigte sich das Mädchen.
„Meinen Schäferhund Michel.“
„Ich hätte gern eines, eine Katze wäre nicht schlecht.“
„Warum kaufst du dir denn dann keine?“
„Meine Mutter ist dagegen und außerdem würde der Vermieter niemals zustimmen.“
Jonathan ließ von den Trägern ab und steckte seine Hände in die Hosentaschen. Sein Blick wanderte auf die rechte Seite. Dort begann das Feld, das Ende war nicht in Sicht. Die gelb gezeichneten Sonnenstrahlen nahmen an Kraft zu, wechselten in ein Gelb-Orange und schließlich vollends ins Orange.
Das Rattern der Erntemaschine kam näher. Stets im selben Takt wurden die Hopfenpflanzen aus ihren Befestigungen gelöst und auf einem Anhänger gesammelt. Mit jeder weiteren Pflanze wurde das Gewirr aus sattgrünen, gezackten Blättern und Dolden dichter. Jonathan verließ den Feldweg und rannte zu der Stelle, an der noch vor kurzem die Maschine am Werke gewesen war. Schnell fand er, was er suchte, eine Hopfendolde, die zu Boden gefallen war. Später würde er sie seinem Vater bringen, der ihn gelehrt hatte, dass jede einzelne Dolde kostbar wäre, weil man damit einen halben Liter Bier veredeln könne. Voll des Lobes für dieses Gewächs drückte er mit den Fingern die Lamellen auseinander, damit seine Begleiterin das gelblich schimmernde Pulver erkennen könnte.
„Ich sollte bald wieder zu meiner Klassenlehrerin zurückgehen.“, merkte sie an, nachdem er die Hopfendolde in seiner Hosentasche gesteckt hatte. Auf dem Weg dorthin passierten sie eine Kreuzung. Richtung Dorf erstreckte sich eine marode, wenig befahrene Straße, von der aus man die Halle erblickte, in der die abgeernteten Pflanzen weiterverarbeitet wurden.
Quadratisch gepresste, mannshohe Säcke stapelten sich dort. Selbst am späten Nachmittag liefen die Maschinen auf Hochbetrieb. Sein Vater lehnte sich gegen die Schiebetür im Eingangsbereich und erläuterte einer Frau die Funktionsweise der Anlage.
„Frau Tiefenbach“, rief das Mädchen ihr zu. Sie begaben sich zum Scheunentor.
„Da bist du ja, ich hoffe, du hast dich nicht gelangweilt.“
„Nein, es hat mir sehr gefallen.“
Sie verabschiedeten sich, während Jonathan und sein Vater ins Innere der Halle verschwanden. Frau Tiefenbach ließ ihre Schülerin die Einkäufe tragen, der Grund, weshalb die beiden ursprünglich losgezogen waren.
Morgen wird jemand anders Frau Tiefenbach bei ihrem Einkaufsbummel begleiten, dachte sie, als ihr das Gewicht der prallgefüllten Plastiktüten schwerer und schwerer erschien.
Am nächsten Morgen stolzierte Jonathan durch die Reihen, spürte die Tautropfen. Er hatte einen Entschluss gefasst und fragte seinen Vater, ob er die alte Katze Minka verschenken dürfte. Jeden Tag bekam sie etwas zu fressen und zu trinken; streunend hielt sie sich ständig in der Nähe des Bauernhofes auf. Jonathans Vater erlaubte es ihm. Gut gelaunt suchte Jonathan nach der schwarz gestreiften. Schnell hatte er Minka entdeckt, das Tier unter den Arm genommen und war dann zur Herberge marschiert.
Im Garten erspähte er das Mädchen, dem er gestern noch die Faszination der Hopfendolden erläutert hatte. Die Schülerinnen und Schüler kamen auf ihn zu, überrascht und neugierig zugleich, sie wussten nicht, was dies zu bedeuten hatte. Jonathan legte ihr Minka in die Arme und meinte: „Das ist jetzt deine Katze. Warum warten? Sie hört auf
den Namen Minka.“
„Danke“, murmelte sie, umringt von ihren Klassenkammeraden. Jonathan war im Begriff zu gehen, als er hörte: „Aber wie soll ich denn...“
Mit lauter Stimme sprach er: „Sie hört auf den Namen Minka!“ und verschwand hinter der nächsten Hauswand.