tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
„Haben Sie ein Foto? Ich meine, von dem Mädchen?“
„Das nicht, aber eine Personenbeschreibung wird Ihnen sicherlich weiterhelfen. Wissen Sie, die Kleine hasst Fotografen, daher keine Bilder.“
Ein guter Detektiv hat natürlich einen zweiten Kugelschreiber zur Hand und so notierte ich: „Lange schwarze Haare, nahezu kalkweiße Haut, cirka zwanzig Jahre alt und hört auf den Namen Snowey Witness”.
Während ich noch meine Notizen machte, fiel mein Blick auf ihren linken Fuß. Halten Sie sich fest, der war nackt. Keine Socke, keine Strumpfhose, die ihn dezent verbarg. Ganz im Gegensatz zu dem wollenen Slip, der sich
gut sichtbar unter dem kurzen Rock abbildete. Und noch etwas bemerkte ich, was vielen Amateuren entgangen wäre. Das Tattoto am Knöchel. Ein Eispickel.
Irgendwie kam mir die Geschichte bekannt vor.
„Das war doch nicht alles?“ fragte ich sie, doch schon hatte sie aus ihrer Handtasche einen Scheck gezückt, blanko, versteht sich.
„Snowey hat einen der vier goldenen Kronkorken mitgenommen. Sie wurden mir von meinem Mann zu unserem vierten Hochzeitstag angefertigt. Nun soll ich diese vier edlen Teile auf der nächsten Aufsichtsratssitzung
tragen, wie aber stehe ich da, wenn einer fehlt?“
„Haben Sie schon einmal an ein Imitat gedacht?“
Sie schüttelte den Kopf und ich hatte das Gefühl, der nackte Fuß hob sich näher an mein Gesicht.
„Unmöglich, mein Mann würde es merken.“
„Sagen Sie ihm die Wahrheit.“
„Oh, er würde Snowey in Schutz nehmen. Ich bin die böse Stiefmutter.“
„Ich brauche noch die eine oder andere Information. Wo lassen Sie Ihre Pediküre machen?“
Sie lächelte und reichte mir eine Visitenkarte: „Nagelstudio Zum Blauen Engels-Bock”.
Ich begleitete meine Auftraggeberin auf den Flur, denn Marianne war ja bereits im Krankenhaus, Sie erinnern sich, die Kugelschreiberfeder, und ich lief diesem Trenchcoat-Detektiv in die Arme.
„Oh, eine neue Mandantin? Irgendwo kenne ich sie her.“
Also, doch. Wenn es kein Massen-Deja-Vu gab, dann hatte ich doch recht.
Ich nickte und mein Nachbar grinste: „African Queen, oder vielleicht doch Blue Velvet?“
Bevor er wieder mit seinen fünfundzwanzig Fragen loslegen konnte, verbarrikadierte ich mich in meinem Büro. Wo sollte ich mit der Suche beginnen?
Offensichtlich gehörte die Tochter des Brauereiherrschers der sogenannten Gothic-Szene an, kalkweißes Gesicht, schwarzes Haar und schwarze Bekleidung.
Möglicherweise könnte ich in der Gruftiedisco „Bitty-Titty-Twister and Shouter“ eine Spur finden. Zuerst aber kehrte ich in „Ricks Cafe“ ein, um zu Mittag zu essen. Marianne wollte eigentlich ein paar Würstchen mitgebracht haben, aber der Augenarzt hatte sie für eine Woche krank geschrieben.
Während ich lustlos in meinem Thunfischsalat, angeblich garantiert flipperfrei, herumstocherte, gesellte sich der Ex-Major Prasser, einer, der Gehlen noch persönlich gekannt hatte, zu mir.
„Wolf, du scheinst nicht gerade besonders glücklich zu sein.“
„Ist das ein Wunder? Die Katze dort drüben schaut auf meinen Teller, ganz so, als gehöre er ihr.“
„Ach, das ist nur vorgeschoben. Kann ich helfen?“
Ich erzählte ihm von meinem Problem. „Snoweys Mutter ist unter merkwürdigen Umständen gestorben.“
Ich war hellwach und schob den Teller beiseite, was die Katze sehr freute.
„Du kennst die Familie?“
Er nickte und flüsterte: „Sie hieß ‚Snow-Goose‘ und stammte in direkter Linie von der Goldenen Gans ab, die später von einem gewissen Sankt Martin gemeuchelt wurde. Er warf einen roten Umhang über sie und den Rest kannst du dir denken.“
Ich schaute betroffen: „Wie starb Snow-Goose?“
Prasser ging dieser Fall nahe, einer der besten, bis er vor vielen Jahren pensioniert wurde, weil er in Casablanca großen Mist gebaut hatte.
„Man fand sie gefesselt und geknebelt vor einer riesigen Lautsprecherbox.
Von einem Endlostonband lief Musik von Detlev Kohlen.“
„Oh Himmel, das erinnert mich an die Methoden der ...“
„Psst. Feind hört mit. Hier haben die Ohren Wände.“
„Doktor Merbuse, nicht wahr?“
„Man munkelt so einiges. Ein ganz vertrackter Fall.“
„Woran ist sie denn nun gestorben?“
„An ihrem eigenen Erbrochenen. Bei der Musik. Kein Wunder, oder?“
Erstickungstod. Diese Schweine. Da fiel mir ein, sollte ich diesen Fall nicht lösen, würde ich Schriftsteller. Der Tod der Schneegans. Nur würde sie, um die Sache nicht zu eindeutig zu machen, mit einem Gegenstand im Munde
sterben. Das letzte, was ihr der Mörder, ein geschmackloser Musiker sagen würde: „So, jetzt blase mir einen. Auf der Mundharmonika.“
Irgendwie hatte die Idee etwas Originelles. Ich war sozusagen entzückt.
„Und die zweite Frau von diesem Himmelsglück?“
„Keiner weiß genaues. Sie war plötzlich da und hat wohl sehr großen Einfluss. Seit sie vor knapp vier Jahren geheiratet haben, hat die Brauerei ihren Umsatz um sage und schreibe 5.000 Prozent erhöht. Kaum ein
Geschäftszweig, den die Firma nicht dazu gekauft hat.“
Ich war lange genug BND-Agent, um zu wissen, dass die CIA oder der KGB irgendwie in diese Sache verstrickt war.
„Klingt irgendwie nach frisierten Bilanzen und Neuem Markt. Hat die Finanzaufsicht schon ein Auge drauf geworfen?“ Ich war ja nun alles andere als ein Anfänger.
„Kannst du vergessen, denn der Wirtschaftsminister hält die Hand drüber. Hat sogar das Kartellamt zurückgepfiffen. Ministergenehmigung. Und der Gunibert, du weißt, nicht irgendein Gunibert, sondern der Gunibert, sitzt im Aufsichtsrat.“
Das war starker Tobak, und ich ahnte, dies war nicht so ein Fall von einer Halbwüchsigen, die in der Trotzphase steckt, das war ein ganz dicker Fisch, den ich an der Angel hatte.
Voller Überlegungen und Mutmaßungen kehrte ich in mein Büro zurück, dass ohne Marianne vereinsamt wirkte. Ich spielte mit der Visitenkarte in der Hand, die mir Aphrodite überreicht hatte. Noch einmal schaute ich die Karte
an. Was war das? Mit einer Lupe entzifferte ich auf der Rückseite eine geheime Botschaft: „Oh du schöner Westerwald.“
Ich hätte schwören können, zwei Whiskeys vorher hatte ich noch nichts auf dieser Karte gesehen. Eine Ahnung durchfuhr mich, wie ein göttlicher Hinweis: Wenn du diesen Fall löst, Wolf, löst du auch das Geheimnis des
roten Feuerwehrautos. Der Achtundvierzig. – Sie erinnern sich?
So beschloss ich, bei nächster Gelegenheit dem Treffpunkt der Gothics einen Besuch abzustatten.