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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Die sieben Kugeln (156)

 

Unter falschem Namen

Die Kristalle hatten mich, als sie noch bei uns waren, auf ein phantastisches Niveau hochgetuned. Danach, ohne unsichtbare Helfer, fühlte ich mich platt wie ein gebügelter Schellfisch. Und Jens´ Gartengrundstück wirkte wie Salz in einer offenen Wunde. Von wegen Garten, … da würde schon wieder etwas wachsen … Ja, vielleicht in zehn Jahren! Im Moment war er nichts als trauriges Ödland, für uns am quälendsten, weil wir die frühere Verwilderung so genossen hatten.

Schlussstrich. Von einem Tag zum anderen irgendwo hin … Auf einem Zettel ein paar nichts sagende Worte für die anderen, nur damit die wissen, es war kein Verbrechen oder Unglück passiert und los. „Und wohin?“ Julia wehrte sich nur sehr vorsichtig. Ich hatte noch keinen Plan. Drei Tage lang saßen wir zusammen am Computer. Sammelten Adressen, schrieben Mails und Briefe. Verschickten sie einzeln, damit jeder Empfänger sich als bevorzugte Wahl der bekannten Medienstars empfand. Irgendwer musste doch eine interessante Tätigkeit für uns haben. „Müssen wir eben unsre Namen verkaufen …“ Ich ließ offen, ob ich das ernst meinte. Ich hatte mir vorgenommen, Jule nur noch Julia zu nennen.

Okay, okay! Ich nehm auch ein normales Leben an. Wir sind weit genug unten.“

Aber dann die Enttäuschung. Niemand antwortete uns. Oder wenn, dann mit gängigen Ablehnungsfloskeln. Julia hoffte weiter auf die paar Bewerbungen, die noch nicht abgelehnt waren. Ich musste sie bremsen: „Nein, ich ruf nicht an, ob meine Post angekommen ist! Natürlich ist sie. Warum sollte sie nicht? Wenn uns einer will, soll er sich melden. Da muss einfach was darunter sein – wo wir vor paar Wochen noch überall in den Schlagzeilen waren!“

Julia lief ruhelos von einem Ende meines Eberswalder Kinderzimmers zum anderen. Ich beobachtete sie vom Bett aus. Plötzlich rief ich: „Weißt du was? Wir gehen auf große Reise. Zum Beispiel nach Indien. Von dort wandern wir nach Norden über die Berge nach Tibet und dann ziehen wir bis zur chinesischen Ostküste. Ohne Geld! Da finden wir bestimmt genügend einfache Leute, die uns bewirten. Mal sehen, wie der Kantha Inar wirklich ist – in einem Jahr sind wir zurück und dann sieht alles ganz anders aus. Wenn wir wieder hier sind, also falls, dann sind wir vielleicht selber solche Kantha Inars. Kannst du dir mich als entrückten Guru vorstellen?“

Sehr witzig!“ schimpfte Julia, obwohl sie ahnte, dass ich selbst nicht wusste, ob das nun ein Witz oder Ernst sein sollte. Wahrscheinlich eher Ernst. Sicher wäre ich schon deshalb losgezogen, um aus dieser Loserlage raus zu kommen.

Die wenigen Nachrichten, die in den nächsten zwei Tagen eingingen, klangen so wenig verlockend, dass Julia mich in einen Treckingladen begleitete. „Weißt du, für die Tour kann ich nicht so rumlaufen wie bisher.“

Wir wurden uns nicht einig über die Ausrüstung. Reservierten erst einmal ein Silitzelt und passende Rucksäcke, leichte, anschmiegsame. Liefen wieder zurück. Wurden erwartet. Von einem Brief, einem einzigen, aber immerhin. Eine Arbeitsvermittlung, bei der ich mich nicht erinnern konnte, sie angeschrieben zu haben, bot uns ein persönliches Gespräch an. Bat dringlich, sowohl über diesen Termin als auch über alles, was dort besprochen werden würde, Stillschweigen zu bewahren.

Genau mein Ton. Ich wurde sofort munter. „Mystisch, echt mystisch. Da steckt was drin, was wir uns nicht entgehen lassen dürfen. Tibet kann warten.“ Etwas Neues. Es hätte zwar auch ein Mädchenhändlerring sein können. Na und? Einen Versuch war es mir wert. Ich überzeugte Julia. Natürlich. Und wir bewahrten Stillschweigen. Wir gingen zu dem Termin und wer begrüßte uns? Jens´ Ex-Schulkameradin Lisa!

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