Overblog Alle Blogs Top-Blogs Mode, Kunst & Design
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU

tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

Werbung

Die sieben Kugeln (109)

Am folgenden Dienstag kam Jens total ausgekratzt von der Arbeit. „Heut war was los. Alarm. In der letzten Nacht sollen sich angeblich die steifen Testuden kurzzeitig bewegt haben. Es hat sie zwar keiner dabei beobachtet, aber die Haufen haben sich irgendwie verändert. So, als wären alle kurz losgelaufen, ungefähr Richtung Eberswalde, dann aber hätte etwas ihren Aufbruch unterbrochen. Jedenfalls als wir alarmiert wurden, regte sich nichts mehr. Alle Berliner Polizeidienststellen waren die ganze Zeit in Bereitschaft. Reichts nicht, irgendwelche arbeitslosen Soldaten dort rumstehen zu lassen?“

Jens sagte das verdächtig beiläufig. Was blieb mir übrig, als auf seinen Ton einzugehen und möglichst wenig interessiert nachzufragen, so, als sagte ich das nur, um ihm einen Gefallen zu tun: „Das ist natürlich dumm, wenn keiner etwas mitbekommen hat. Aber heute stehen dort ja die ganze Zeit Wachen…“

Ja. Wieso? Ist das wichtig? Oder wie kommst du da drauf?“

Ich tat weiter gelangweilt: „Ach, nur so …“

Ich merkte sofort, dass das überhaupt nicht nur so geklungen hatte. Jens´ Misstrauen war geweckt. Aber etwas musste ich ihn noch hinhalten. So empfing ich ihn am nächsten Abend mit: „Na, war wieder was mit den Schildkröten?“

Jens hatte sich wohl vorgenommen, mich zu ärgern. „Vielleicht. Ich hab nicht weiter drauf geachtet.“

Du Spinner. Nun sag schon.“

Ach, nichts weiter.“

Kann es sein, dass sich die Kröten von zwei Uhr dreißig bis zwei Uhr einunddreißig bewegt haben?“

Kann sein, ja. Steckst du also doch dahinter?“

Offen anlügen wollte ich ihn nicht. Außerdem hätte er es sowieso bald erfahren. „Nicht direkt. Aber um diese Zeit hab ich ihren Mutterkristall gefüttert …“

Ihren was? … Mutterkristall?“

Na, den Kristall, der erst so schwer war, und aus dem sie gekommen sind. Silit wollten sie damals schon fressen. Wenns auch nur silizierte Kleider waren … Ach, das erzähl ich dir besser später.“

Soso. Und in dem Moment, in dem dieser Kristall nicht in der Schutzhülle war, haben sich die Schildkröten gerufen gefühlt?“

Nehm ich an, ja.“

Plötzlich rannte Jens mit den Worten „Warte. Ich bin gleich wieder da!“ hoch ins Haus. Tatsächlich kam er gleich mit Sonja und Janine zurück. „Marie, sag noch mal, was du beobachtet hast!“ Ich tat es mit knappen Worten.

Fällt euch da etwas auf?“

Nur der schwere Kristall“, vergewisserte sich Sonja.

Ohne Zweifel“, bestätigte ich ihr.

Aus dem die Testuden als Babys hervorgekommen sind?“

Als krabbelnde Punkte, ja. Testudines oder wie Schildkröten irgendwie lateinisch heißen würden.“

Also auf der Erde gibt es dafür nur eine rationale Erklärung: Auch bei dem Kristall handelt es sich um eine – zugegeben merkwürdige – Form von Leben. Und mal angenommen, wir liegen nicht ganz falsch, dann trifft das auch für die Sikroben zu. Zwischen den beiden Arten besteht wohl so etwas wie eine Symbiose: Die einen fressen, was die anderen verdaut haben… Nur wir Menschen haben sie voneinander getrennt.“ Sonja sprach bedächtig, als wollte sie ihre Gedanken testen. Ich fand sie einleuchtend, und auch Jens nickte vor sich hin.

 

 

Werbung
Zurück zu Home
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post