tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
„Ich habe Hunger.“
Ernst war wie immer. Für uns ging es um unsere Existenz in Raum und Zeit, und er dachte ans Fressen.
„Wir könnten ein paar Pilze sammeln. Haben wir keine Pfanne im Schiff? Ich übernehme das Braten. Freiwillig.“
Diesen alten Jungen würde wohl kein Mensch mehr vernünftig groß bekommen. Ich lächelte.
„Gehen wir weiter!“
Es knackte. Gerade noch rechtzeitig konnte ich meiner Gruppe winken. Mit Hechtrollen verschwanden wir geräuschlos im Unterholz. Zumindest hofften wir, unbemerkt geblieben zu sein. Auf dem Weg wanderte das leibhaftige Rotkäppchen. Es war ein Mädchen von vielleicht 10, 12 Jahren mit einem geflochtenen Bastkorb, und aus dem Korb sah allen Ernstes eine Weinflasche und ein Kuchen hervor.
„Kneif mich mal“, flüsterte mir Ernst zu, dessen Augen hoffnungsvoll leuchteten. Ehe wir noch etwas tun konnten, war er schon auf den Weg gesprungen und hatte gebrüllt:
„Ich bin der Wolf!“
Grenzenlose Enttäuschung lag im Gesicht des Mädchens. „Hätt ich das gewusst, ich hätt nicht mitgespielt.“