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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Wolfgang Eichloff: Der Mut zur Angst o d e r Ratschläge an einen lebenshungrigen Embryo

Angst vor Pillen und Kondomen

war heut deine erste Last

auf dem Weg zur geliebten

Eizelle, die gern du hast.

Du hast trotzdem sie erreicht!

Doch dein Leben wird nicht leicht.

 

Vorm Skalpell, auch dem sozialen,

hast du Angst noch bis zum Schrei,

den die Welt wohl fragen will:

„Bin ich jetzt nun wirklich frei,

frei von Ängsten und dem Zwang,

Glück zu haben?“ Angst macht krank.

 

An der Quelle dieses Lebens,

nach der Flucht vor manchem Tod,

trinkst aus eben dieser Quelle

Du auf Liebe, Freunde, Brot...

Achtung! Quell’n, selbst Waldheims Sekt,

sind gepanscht, umweltverdreckt.

 

Angst vor Giften und Nitraten

Denn du bist ja ohne Wehr

hätt dein Körper, wenn er wüsste,

was am Gift verdient manch Herr.

Wenig essen zeugt von Nöten,

zuviel essen kann auch töten.

 

Lernst du sehen, lernst du Angst!

Bleibst du blind, dann hast du Glück!

Glücklich ist drum, wer vergisst,

dass die Angst vom Mut ein Stück.

Deshalb will ich’s mutig nennen,

Angst zu haben, zu bekennen.

 

Angst vor einer Schwangerschaft,

die die jungen Schwingen bricht,

Angst vor Kinderlosigkeit,

dann schon aus des Alters Sicht.

Pille, HIV, Skalpell...

Leben kommt und geht auch schnell.

 

 

Angst vor winzigen Atomen,

die das Auge nie gesehn,

Angst vor winzig-kleinen Viren,

die die Liebe nicht verstehn.

Winzigkeit. Atome, Zellen,

sind das größte Unheils Quellen.

 

Angst vor Einsamkeit im Alter

auf dem überfüllten Stern,

Angst vor einem Massengrab,

denn die Massen sind so fern.

Einsamkeit durch zuviel Masse

für die Masse unsrer Rasse!

 

Hiroshima macht mir Angst,

Napalm und mach andrer Tod,

Bürokratenimpotenz,

Rassen, Grenzen, schwarz, weiß, rot...

Kann ein Mensch sein Bestes geben,

der hat Angst vor Tod und Leben?!

 

Hexenangst vorm Scheiterhaufen,

Zittern vor Inquisition,

vor der Pest und vor der Dürre,

vor der Mafia, Al Capone...

Angst vor gestern, Angst vor morgen!

Kleiner Fötus, machst mir sorgen.

 

Luthers Angst vor seinen Thesen,

die ihm brachten Acht und Bann.

Görings Angst vor Dimitroff,

als die ‚braune Pest’ begann.

Angst Sir Henrys vor dem Geist,

die Allende niederreißt.

 

Überall regiert die Angst!

Angst vorm Ende eigner Macht

ließ die Römer Kreuze bau`n,

Jesus Christus wurd umgebracht

Nero quälte öffentlich,

unsre Sicherheit tut’s nicht.

 

Angst vor eigener Courage!

(Widerspruch in sich und mir.)

Angst vorm Ende aller Ängste

In der Menschheit und in dir.

Angstlos lässt du mich erzittern,

wie das Kreuz vor seinen Rittern!

 

   

Angst vor tränenlosen Augen,

vorm ‚Jawohl’, wenn du denkst: „Nein“

Kleiner, habe nie den Ehrgeiz,

pflegeleicht und mehr zu sein,

als nur edel, hilfreich, gut!

Der Verzicht reinigt das Blut.


(aus Anthologie "Notwendigkeit")

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