tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Hardy genoss das Leben. Näswerder, das viele Verprügeltwerden und diese Notgemeinschaft der Kugelbesitzer lagen weit hinter ihm. Er verschwendete keine Zeit an Erinnerungen. Rahmans Kugel hatte für ihn von dem Moment an ihren Reiz verloren, als sie nicht sofort ihr Geheimnis preisgegeben hatte.
Außerdem beanspruchte ihn sein Beruf. Mochten Ahnungslose wegen seiner Tätigkeit als Außenvertreter von General Systems die Nase rümpfen. Die wussten ja nicht, wie sein Arbeitstag aussah. Er saß in seinem Hamburger Büro, bereitete Präsentationen vor, arbeitete sich mitunter mehrere Tage in spezielle Aufgabenbereiche ein, bis die Verhandlungen bei potentiellen Abnehmern begannen. Das hörte sich schwierig an, war es mitunter auch, hatte aber einen unschätzbaren Vorzug: Es gab in ganz Europa weniger als 80 Konkurrenten um den Job, die Verantwortung für die Umsetzung der Projekte trugen andere und die eigentliche Arbeit brauchte er auch nicht zu leisten. Er liebte sein E-Car und die Frauen liebten ihn.
In dieses freie Leben drängte sich die Sikrobenkatastrophe wie Poesche Stachelwände, die plötzlich von allen Seiten gegen ihn vorrückten.
An neue Vertragsanbahnungen war unter den unsicheren äußeren Umständen nicht zu denken. Niemand verschwendete einen Gedanken an Investitionen, wenn der Investitionsort bald ein Silitfeld zu sein drohte. Da gab es nur eines: Endlich den schon mehrmals angesteuerten Urlaub vom alten Europa zu machen. Hardy kam entgegen, dass einige Berliner Fluglinien jetzt von seinem Dienstort Hamburg aus starteten. Er entschied sich für Rio. Brasilien, ein ideales Urlaubsland. Allerdings sah der Computer das anders. Er behauptete, alle Flüge der nächsten sechs Wochen seien restlos ausgebucht.
Hardy interessierte sich eigentlich nur für Frauen oder den jeweils nächsten Geschäftsabschluss. So hatte ihn die allgemeine Panik bisher wenig berührt. Nun gab es eine für ihn überraschende Schwierigkeit bei der Lösung eines scheinbar einfachen Problems. Aber auch das sah er ganz pragmatisch. Hier musste Jenner ran.
Jenner war schwer zu erklären. Er hatte braune Augen und dunkle lange Haare, und wenn er Lust hatte, sprach er deutsch mit Akzent … am liebsten italienischem. Dabei war er in Hamburg-Sasel geboren und nie länger als einen Monat aus seinem Stadtbezirk herausgekommen. Aber er hatte beste Beziehungen – sprich, er lebte davon, alles zu besorgen, was es eigentlich nicht gab – und für Hardy sowieso.
… „Rio nicht, aber Mexiko. Du musst gleich kommen und Start ist heute Abend um 20 Uhr. Eins, ja, eins …Für einen Freund nur 2000 Euro.“
Hardy schluckte erst bei diesem Preis, war aber sicher, dass Jenner ihn nicht betrügen würde. Er drückte dem Partner das Bargeld in die Hände und nahm ein Taxi zum Flughafen.
Schon in der Vorhalle hatte er das Gefühl, in eine Demonstration geraten zu sein. Hardy hasste Krakeeler. Wer keine Ausstrahlung hatte, nicht ruhig blieb und ein sicheres Lächeln im Gesicht aufbehielt, selbst wenn scheinbar alles schief lief, der war ein Loser – oder er würde es werden. Die ganze Halle aber war voll gestopft mit Losern.