tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Bisher hatte kein Wissenschaftler beachtenswerte Fortschritte erzielt. Die aktiven Sikroben zersetzten alle Materialien, mit denen sie in Berührung kamen. Und dass sie dort, wo man sie mittels Magnetfeldern im leeren Raum fixierte, anabiotisch ruhten, war auch keine weit reichende Erkenntnis (außer zum Transport der Proben).
Am Morgen des Angriffs herrschte Westwind Stärke zwei. Sicherheitshalber wurden einige mobile Geschütze zur Verstärkung des Ostringes umgesetzt, obwohl niemand ernsthaft damit rechnete, dass ein so sanftes Lüftchen das Kampfgeschehen beeinflussen könnte. Die kleinste Unachtsamkeit konnte aber verheerende Folgen haben.
Um punkt acht Uhr erfolgte die Zündung des Sprengringes. Wenige Sekunden später begann der Beschuss der entstandenen Staubberge. Dabei schossen die Einsatzkräfte so, dass die meisten Geschosse wie Schrapnelle in der Luft vor dem Ätzerkreis explodierten, um die Tropfen auf die tote Silitschicht zurückzudrücken. Noch im Umkreis von 10 Kilometern bebte die Erde, dass sich Risse in Häusermauern bildeten und Fensterscheiben klirrten. Teile der in sich zusammenfallenden Staubwand lösten sich im Laserbeschuss auf. Nach etwa fünfzehn Minuten war die meiste Munition verschossen. Der gesamte Innenkreis schien zu einer hauchfeinen Nebelbank zusammengepresst worden zu sein. Der Rand des Grabens war fast frei von Ätzerstaub. Die Laserstrahlen stachen immer neue Löcher in die Staubwand. So entstand gerade aus großer Höhe ein spektakuläres Erfolgsbild.
Mit Erleichterung betrachteten die Zuschauer in aller Welt die Lifebilder des Geschehens. Die erinnerten stark an ein mathematisch konstruiertes Modell eines implodierenden Katastrophenherdes. Eine Computersimulation. Aber die Reporter versicherten, genauso sehe es in Berlin aus. Der Ring der Sikroben breche in sich zusammen.
Nun fingen die Amerikaner damit an, aus den weltraumgestützten Stationen den Kreis der Sikroben mit Antimateriegranaten und Lasern zu beschießen. Welch herrliche Möglichkeit für großräumige Tests dieser Waffensysteme in Friedenszeiten!
Die einzige verunsichernde Nachricht lieferte die Wetterbeobachtung. Von Westen her näherte sich ein Tiefdruckgebiet. Die Einsatzleitung befürchtete, dass das Regenwasser den Staub binden, die einzelnen Sikroben sozusagen füttern könnte. Man hatte es beim ersten Einsatz der Feuerwehr erlebt, wie die Sikroben den Löschschaum als Futter benutzt hatten. Bisher konnte man hoffen, dass die wenigen Sikrobenpartikel, die als feiner Staub der Glocke entwichen, sich später auf dem Silitbrei oder dem gesäuberten Randstreifen absetzten und dort verhungern würden.
Laufend wurden im KOR-Rechenzentrum in Frankfurt / Main die aktuellen Daten mit dem Modell des Katastrophenherdes abgeglichen. Blieben alle bekannten Faktoren unverändert, würde die vordere Grenze der Wolkenwand bald den Westrand Berlins erreichen. Es musste eigentlich reichen. Trotzdem leitete man sicherheitshalber ein vorzeitiges künstliches Abregnen der Wolken ein.