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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Gunnar Schuberth: Ausverkauf

Alles fing damit an, dass ich meinen alten Freund Fritz Kunz auf der Straße traf.

Hast du schon von meinem neuen Geschäft gehört?“ fragte er, nachdem wir einige belangslose Worte gewechselt hatten.

Ich schüttelte den Kopf.

Ich habe die Rechte an fast hundert Wörtern gekauft.“

Was heißt das?“ fragte ich.

Das bedeutet: Wer auch immer eines dieser Wörter in der Öffentlichkeit sagt, muss mir dafür Geld zahlen.“

Das ist doch völliger Blödsinn“, sagte ich.

30 Euro“, sagte Fritz. „Du schuldest mir 30 Euro. Das Wort Blödsinn gehört mir. Ich habe mich vor allem auf Schimpfwörter spezialisiert.“

Ich sah ihn unsicher an. „Du willst mich doch verarschen“, sagte ich.

Fritz rieb sich die Hände.

Verarschen, wunderbar“, sagte er. „Das sind noch einmal 50 Euro, zusammen schuldest du mir schon 80 Euro.“

Fritz wollte, dass ich ihm die 80 Euro sofort zahlte. Ich weigerte mich natürlich und es kam zu einem heftigen Streit. Ich nannte ihn einen Blödmann, Volltrottel und Idioten.

Das sind 380 Euro“, sagte Fritz. „Du schuldest mir 380 Euro.“

Verärgert ließ ich Fritz stehen und ging nach Hause.

Ich informierte mich im Internet. Fritz Kunz hatte Recht. Eine kleine Gesetzesänderung hatte es möglich gemacht, die Rechte vieler deutscher Wörter zu kaufen.

So was Blödes“, schimpfte ich. Ich sah mich erschrocken um. Zum Glück saß ich ganz allein vor meinem Computer.

Was in den nächsten Wochen folgte, war der Ausverkauf der deutschen Sprache. Wer sich rechtzeitig Rechte an bestimmten Wörtern gesichert hatte, verdiente ein Vermögen. Fritz Kunz war in kurzer Zeit Millionär. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass sein Geschäftsmodell Erfolg haben könnte. Aber es waren tatsächlich immer mehr Menschen bereit, für den Gebrauch von Wörtern, auch von Schimpfwörtern, Geld zu bezahlen.

Ich weigerte mich.

Aber es wurde immer schwieriger. Der Staat, der an diesem Geschäft kräftig verdiente, gab immer mehr Wörter zum Verkauf frei. Am Ende konnte man nur noch Fremdwörter, Wörter des täglichen Gebrauchs und Begriffe aus anderen Sprachen verwenden.

Ich versuchte, mit diesen freien Wörtern auszukommen. Das Wort Scheiße, eines meiner Lieblingswörter, ersetzte ich durch das geschützte Wort Exkrement.

Was für ein Exkrement“, sagte ich, wenn mir zum Beispiel eine Tasse zu Boden fiel. Doch ich merkte es am Klang. Es war nicht dasselbe.

Auch eine kultivierte und geistreiche Unterhaltung war mit den verbliebenen freien Wörtern fast unmöglich.

Ich experimentierte mit Wörtern aus anderen Sprachen. Zum Beispiel waren seltene, fremdsprachige Begriffe wie Terrasse oder Skelett geschützt.

Zwei Skelette parlieren auf Pygnesisch auf der Terrasse“, ließ ich unvermittelt in ein Partygespräch einfließen. Ich hoffte, dadurch als originell und geistreich angesehen zu werden. Doch meine Gesprächspartner sahen mich nur mitleidig an.

Dann traf ich wieder Fritz Kunz auf der Straße. Er machte sich einen Spaß daraus, mich zu provozieren, wollte, dass ich möglichst viele seiner Schimpfwörter verwendete. Doch ich meisterte diese Herausforderung souverän. Ich nannte ihn einen Liebhaber von Exkrementen und einen Gesäßkriecher. Fritz wurde blass vor Wut. „Das wirst du nicht durchhalten, niemals hältst du das durch“, rief er wütend und ging davon.

Ich seh dich als Skelett auf der Terrasse“, rief ich ihm triumphierend nach.

Die Geschäftsmethoden von Fritz wurden immer raffinierter. Er bot Flatrates an, mit denen man Schimpfwörter unbegrenzt verwenden konnte. Mit Lockpreisen versuchte er, Käufer zu finden. Zu bestimmten Zeiten kostete beispielsweise die Verwendung des Wortes Depp nur 20 Cent.

An diesen Tagen wimmelte es nur so von Deppen.

Man muss ein Depp sein, um diesen Tag nicht gut zu finden“, begrüßte mich der Kioskhändler.

Nur ein Depp schlägt bei diesen Preisen nicht zu.“ sagte die Obstverkäuferin.

Seien Sie kein Depp und kaufen Sie", schrie einen die Plakatwerbung an.

Dann kam der Tag, an dem die unbegrenzte Verwendung des Wortes Scheiße angeboten wurde. Für nur 5 Euro konnte man einen Tag lang das Wort ‚Scheiße’ so oft verwenden, wie man wollte.

Ich konnte nicht widerstehen. Übers Internet bestellte ich die Rechte. Zitternd gab ich meine Daten ein. Dann hielt ich den Beweis in Händen. Für die nächsten 24 Stunden konnte ich das Wort Scheiße sagen, wann immer ich wollte.

Als ich an diesem Morgen auf die Straße trat. regnete es.

Scheiße“, sagte ich. Irgendwie klang das Wort noch fremd. Doch nachdem ich über das Scheißwetter geschimpft hatte und meinem Nachbarn einen Scheißtag gewünscht hatte, war es wie in alten Zeiten.

Im Büro steigerte ich mich in einen wahren Rausch.

Du redest wieder Scheiße“, sagte ich lachend zu meinem Kollegen. Durch die Kantine brüllte ich, was es heute wieder für einen Scheißfraß gebe.

Der Gebrauch des Wortes war wie ein Akt der Befreiung, wie entfesselt hüpfte ich durch das Büro. "Mona“, sagte ich zu meiner Kollegin. „Deine Frisur sieht einfach Scheiße aus. So was würde ich nicht mal unter meinen Scheißachseln tragen.“

Dann kam mein Chef mit einer Aktenmappe.

"Hallo Chef", rief ich. "Was für eine Scheiße bringen Sie mir denn da."

"Ihre Papiere", sagte mein Chef, "Sie sind entlassen."

Ich sah ihn erschrocken an. "Scheiße", sagte ich.

Seit diesem Tag verzichte ich auf billige Lockangebote. Mein Wortschatz und meine Ausdrucksweise haben sich sehr verändert, aber dies hat auch Vorteile.

Meine Freundin sagt, es sei jetzt viel netter mit mir. Und sie findet auch gut, dass ich mein Geschlechtsteil nicht mehr Saubär nenne.

Doch an manchen Tagen fällt es mir schwer. Kürzlich wurden meine drei Lieblingswörter im Internet angeboten. Scheiße, Fettarsch und Volltrottel für nur 1 Euro am Tag. Ich atmete tief durch. Doch ich blieb standhaft.

"Verdammtes Exkrement", sagte ich leise und fuhr den Computer herunter.

 

 

 

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