tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
„Erzähl lieber! Ich habe schon verstanden, dass du meinst, es hängt mit unseren Kugeln zusammen.“ Petra lehnte sich locker zurück. Ein Seitenblick. Aha, Janine hatte die Arme vor der Brust gekreuzt.
Jens´ Blick fixierte eine Hummel, die gerade am Apfelbaum vorbei flog. „Also, Rahmans Tod gab den letzten Anstoß für die Einladung. Was davor war, war so merkwürdig, dass ich mich nicht getraut hätte, darüber zu reden. Nicht einmal mit Janine. Dabei war sie eines der Opfer. Bis vorhin hab ich noch gezögert, überhaupt darüber zu sprechen. Aber es gibt da etwas, was wir unbedingt klären müssen. Etwas, was ich bisher für einen Rausch, eine Halluzination oder so gehalten habe. Aber die Zwillinge sind wohl wirklich keine Sinnestäuschung. Ihr Anblick hat mich genauso überrascht wie euch … oder nicht, zumindest…“ Jens machte eine Pause. In diesem Augenblick hörten alle ein sanft anschwellendes Brummen. „Das wird Sonja sein.“
Für die beiden Zwillingspärchen folgten herrliche Stunden. Gelegentlich stürmten sie hoch zum Haus, das Jana zum „Hexenhaus“ erklärt hatte, dann dämpften sie instinktiv ihre Lautstärke, als gelte es, einen Gegner auszukundschaften. Sie holten Saft und Kuchen und für jeden ein Eis aus dem Kühlschrank und verschwanden wieder am See. Tina hatte noch nie eine Badestelle erlebt, die so versteckt lag. Schade, dass sie noch nicht gut genug schwimmen konnte. Aber es machte auch so Spaß, von Leonies Schultern zu springen.
„… Fest steht: In den letzten zehn Jahren bin ich Petra nie begegnet. Die Kinder ähneln sich aber wie eineiige Vierlinge. Also ist das hier ein Wunder. Es wäre schon Zufall genug gewesen, wenn alles weibliche Zwillinge gewesen wären. Sonja hat ja auch welche. Aber als ich die Idee für unser Treffen hatte, wusste ich das noch nicht. Da beschäftigte mich etwas anderes. Sagt mal, habt ihr irgendwann einmal etwas Ungewöhnliches mit Insekten erlebt?“
Jens sah dabei Sonja an. Die schüttelte mit dem Kopf. Sie war allein gekommen und hatte die Mädchen noch nicht gesehen. Petra verfolgte, wie Jens zum zweiten Mal seine Beobachtungen mit der Kugel und den Hornissen schilderte. Ihre Gedanken irrten ab: Als sie damals schwanger war, hatte sie Rahmans Kugel wohl noch gehabt. Das war zwar verrückt – aber eigentlich schon bewiesen, wenn man sich die anderen Kinder ansah. Hätte sie das verdammte Ding bloß gleich weggeworfen …
Als sie Jens´ Blick traf, war es zu spät zum Wegsehen. Petra antwortete als erste: „Nein, Hornissen hab ich noch keine erlebt … und andere Insekten? … Nein, nichts, was mir aufgefallen wäre. Ich hab aber auch nicht weiter drüber nachgedacht.“ Hatte das beiläufig genug geklungen? Petra wollte sich nicht weiter befragen lassen. Wie hätte sie nach der Geburt ihrer Mädchen einen Zusammenhang zwischen der Kugel und dem Verhalten von Insekten beobachten können – sie wusste doch nicht, wo Rahmans Geschenk geblieben war… Das musste sie den anderen aber nicht auf die Nase binden. In der Geschichte hatte es immer mal wieder Schädigungen durch Umweltgifte und Strahlungen gegeben. Nun waren ihre Zwillinge bestimmt nicht geschädigt in diesem Sinne, aber …