tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Tatsächlich ähnelten sich die beiden Zwillingspärchen so sehr wie eineiige Vierlinge. Während die Frauen die Mädchen entgeistert betrachteten, murmelte Jens für sich: „Das also auch noch.“ Laut rief er: „Da haben wir ja einiges zu bereden.“
Jens half Petra, die Sachen aus dem Auto ins Gästezimmer zu tragen. Sie waren gerade fertig, da tauchten die vier Mädchen wieder auf der Treppe auf. Janine hatte zugestimmt, dass Sina und Leonie bei Jana und Tina draußen im Zelt übernachten durften. Alle vier sagten begeistert zu, sich zu benehmen, und von nun an hörte man sie nur noch gelegentlich im Garten toben.
Die drei Erwachsenen saßen nachdenklich auf der Bank an der Hauswand. Janine sah die ganze Zeit zu Jens herüber. Spiegelbilder ihrer Töchter. Von einer Schulkameradin ihres Jens vorgeführt. Da hätte sie schon drei Doppelte hintereinander gebraucht. Ja, sie wirkte so frustriert, dass sich Petra wieder fasste und sich ausmalte, was wohl gerade durch Janines Kopf gehen mochte. Armer Jens. So unschuldig und nun das… Deuten konnte Petra das Doppelzwillingsbild natürlich auch nicht.
Jens lehnte sich betont locker zurück. „Na, wie war die Fahrt?“ fragte er, und dabei sah er Petra erwartungsvoll an. Als ob das die Frage war, die ihn interessiert hätte.
„Na ja, ganz gut“, antwortete sie belustigt. „Ich hatte schon etwas Chaos erwartet, Staus voll flüchtenden Trecks und so. Es lief aber alles ab wie eine normale Ferienfahrt.“ Wie zur Untermalung übertönte irgendwelches Gelächter die ferne Krötenmusik.
„Na, warum sollen sich die Leute denn heiß machen?“ Jens hatte die Arme hinter der Lehne ausgestreckt. „Vorgestern wars noch schlimm, stimmt. Inzwischen ist alles zur großen Schlacht gerüstet. Die Hellersdorfer haben ihre Übergangsquartiere bezogen und warten. Mag man von dem Gegenangriff halten, was man will – ich halte nichts davon – er bringt aber bestimmt einen solchen Zeitgewinn, dass die Forschung das entscheidende Gegenmittel finden kann. Sollten diese Sikroben den Angriff überstehen, sind deinesgleichen gefordert.“
„Findest du deinen Optimismus nicht voreilig?“ Petra grinst. „Aber stimmt. Selbst mein Labor hat einen Teilauftrag bekommen. Da ist der Erfolg der Forschungen wohl nur eine Frage der Zeit. Erfolg muss man eben haben. Im rechten Augenblick seine Chance erkennen und sie ausnutzen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie kalt uns mancher abservieren will.“
„Aber eine Spur hat keiner“, murrte Jens. „… Vielleicht stimmts. Sollen sich Leute darum kümmern, die die Mittel dafür haben. Grundsatzdiskussionen dieser Art höre ich jeden Tag. Dafür habe ich euch nicht eingeladen.“ Jens beobachtete seine Gesprächspartnerinnen. Würde es später einen besseren Moment geben? Was hatten die Kugeln mit den Zwillingen zu tun? Wenn er nur eine Idee hätte… Versuchte es trotzdem. „Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, die Kugelbesitzer aus Näswerder zusammenzuholen. Ich bin nämlich auf etwas Seltsames gestoßen …“ Dann erzählte er von den Hornissen auf seinem Grundstück und dass er sicher sei, seine Kugel stecke dahinter.
Belustigt beobachtete Petra Janine. Die presste die Kuppen ihrer Hände aufeinander ohne hinzusehen. Auch Petra erwartete, dass Jens endlich etwas zu den beiden Zwillingspärchen sagte. In gewisser Weise beneidete sie Janine sogar. Konnte die Sorgen haben! Ein zehn Jahre zurückliegender Seitensprung! Ein müdes Lächeln… Na, an Janines Stelle vielleicht nicht, aber trotzdem. Nur, wenn es keinen biologischen Zusammenhang zwischen den Zwillingspärchen gab, welchen dann? Ein billionstelwahrscheinlicher Zufall? Jens als heimlicher Samenspender, und diese Spermien waren zufälligerweise ausgerechnet hier gelandet? Unsinn, die Kinder hätten einander trotzdem nie derart ähnlich gesehen … Ihre Kinder? Waren ihre nicht natürlich? Quatsch. Sie wusste genau, wann sie gezeugt worden waren und wie natürlich. Oder?