tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Wir schwiegen zusammen.
Dem Meister strömten die Jünger zu Tausenden zu. Sie verschwenden das letzte Papier für Weltuntergangspamphlete und erklären den Silitbrei zu einer ehrlicheren Welt. Ein Glück, dass ich offenbar noch nicht ganz so abgedreht war. Trotzdem. Bei uns beiden war doch tatsächlich etwas Unerklärliches passiert … wenn auch nicht das, was dieser Prophet vorhergesagt hat. „Ich begreif einfach nicht, wozu das Ganze gut sein sollte. Die Welt ist einfach nicht gerecht! Warum mussten ausgerechnet zwei wie wir das entdecken. Was man uns nicht glaubt. Logisch. Wir habens zwar erlebt, aber als mein eigener Vater hätt ich mich ausgelacht! Ich verfolg die Berichte und Karten, wie der Ätzerherd größer wird und niemand weiß einen Weg dagegen – und wir wissen ihn und trauen uns nicht, ihn weiterzusagen, um nicht in die Klapse zu kommen! Krasser gehts nicht. Ob wohl ordentliche Forschung ohne unsern Esoterik-Scheiß die Gefahr besiegen wird? Da wär ich gern bei. Anstatt dessen ärger ich mich mit Chemie- oder Biolehrern rum.“
„Komm, reden wir nicht mehr davon! Das ist abgegessen.“
„Na gut.“ Ich lächelte wieder. „Du sollst auch mal das letzte Wort haben.“
Petra, für die schon als Kind die eigentümlichen Kugeln aus dem Weltraum gekommen waren, begann nach der Schule gleich mehrere Studien nebeneinander. Bionische Systeme, Randgebiete der Elektronik und Informatik. Bis zur Geburt ihrer Zwillinge verlief ihr Leben trotzdem für eine Erdenfrau fast normal. Sie lebte mit ihrem Jochen in der Erwartung, mit ihm alt zu werden. Aber die Beziehung platzte. Ausgerechnet die Zwillinge waren der Anstoß dafür. Aus Jochens Sicht hätte Petra selbstverständlich nach ihrer Geburt die Karriere als Wissenschaftlerin abbrechen oder zugunsten ihrer Mutterrolle wenigstens wesentlich einschränken müssen. Petra Herbst jedoch wollte alles gleichzeitig schaffen. Wenn nicht mit Jochen, dann eben ohne ihn. Warum sollte sie ständig Kompromisse erbetteln. Sie warf ihn raus. Vielleicht war die Schlussfolgerung aus den Monaten des Streits etwas übertrieben – und sie hätte sie auch nie so ausgesprochen – aber irgendwie festigte sich die Überzeugung in ihr, dass es offenbar nur einen Menschen gab, auf den sie sich voll und ganz verlassen konnte. Sie selbst.
Sie bereute nichts. Nur ihren Töchtern gegenüber hatte sie ein schlechtes Gewissen. Immer fehlte es an gemeinsamer Zeit. Dagegen war ihr Forschungslabor ein sichtbarer Erfolg. Ihre Dissertation hatte zu den besten der zurückliegenden zehn Jahre gehört. Als sie trotzdem kein lukratives Angebot bekam, kehrte sie der Universität den Rücken und machte sich selbständig. Marcus hatte sie schon während des Studiums kennen gelernt. Er wurde ihr erster Assistent. „Also, wenn ich die Chance hätte, für den Durchbruch voll zuzuschlagen, dann würde ich natürlich selbst. Aber du bist besser und da stell ich mich lieber in deinen Windschatten. Du wirst mir schon genug von deinem Erfolg übrig lassen.“ Petra fragte sich manchmal, ob Marcus heimlich in sie verliebt war. Wenn ja, so zeigte er es zumindest nicht offen – und sei es, weil Petra dieses Gefühl nicht erwidern würde. Das wusste er. So blieb er der erste von inzwischen vier männlichen Assistenten, die sich gern ihrem strengen Regiment unterzogen. Ein wenig genossen beide ihre merkwürdige Beziehung, die etwas von Sherlock Holmes und Watson an sich hatte, nur dass Petra ihre aufkeimenden Ideen an Marcus´ Reaktion prüfte.