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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Björn Högsdal, Rudern (2/5)

Zu Beginn hatte Khalid keine Kraft. Sein Körper, seine Bewegungen und auch sein Kopf waren verkümmert. Er hatte meist zu Hause gesessen, vor dem Fernseher, seit sein Vater, Abu Khalid, über den ganzen Konflikt trübsinnig geworden war und sich völlig zurückgezogen hatte. In ihm war eine große Traurigkeit. Abu Khalid hatte erlebt, wie Bulldozer Häuser zerstörten, weil sie in sicherheitsrelevanten Zonen lagen. Er hatte auch erlebt, wie die Kinder israelischer Kollegen und Freunde bei Selbstmordattentaten starben. Abu hatte gerne in Israel gearbeitet, vor der zweiten Intifada, als man noch über die Grenzen kam. Als das nicht mehr ging, nur noch ganz selten einmal, zog er sich in das Haus zurück, tiefer, in sein Wohnzimmer und zu Schluss - ganz in sich selbst. Irgendwann hörte er auf zu reden und sah nur noch fern und ging auf die Toilette. Er schlief nicht, aber er aß, was auch immer man ihm vorsetzte. Ganz früher aber, als er noch in Israel arbeitete, hatte er manchmal darüber gesprochen, das die Moslems und die Juden, ja selbst die Christen im Grunde vom selben Stamm seien, dass es hier immer Juden gegeben habe und dass unter Saladin und anderen Herrschern, Gläubige jeder Religion ins Land durften. Sein Vater erzählte ihm davon, dass man einen großen Teil der Juden vor langer Zeit vertrieben habe und dass sie in der Fremde viel Schlechtes erlebt hätten. Davon dass sie das Land gekauft hatten, zumindest einen Teil und das beide Seiten Unrecht begangen haben. Und hin und wieder, ganz selten, sagte er, dass sie alle Esel seien. Die Fatah und die israelische Regierung. Die Hamas und die jüdischen Siedler in den palästinensischen Gebieten. Die Hisbollah. Aber das war als er noch geredet hatte. Jetzt war er ein bisschen verrückt. Wirklich verrückt, nicht so wie Khalids Onkel Jussuf. Der war Schauspieler am Theater gewesen und ein Mensch mit Sinn für Humor. Als es keine Arbeit mehr gab und alles immer schwieriger wurde, hatte er irgendwann begonnen sich wie ein Wahnsinniger zu verhalten. Sein Plan ging auf und er kam in eine geschlossene Anstalt, in der er sich keine Sorgen mehr machen musste um Nahrung und ein Dach über dem Kopf.

An dem Tag, an dem Jussuf eingewiesen wurde, verließ Khalids Vater ein letztes Mal das Haus, um seinen Bruder zu überreden mit dem Quatsch aufzuhören. Damals war Khalid vierzehn Jahre alt. Weder an dem Umstand das Jussuf in der Psychiatrie ist, noch  an dem Zustand seines Vaters hat sich seitdem etwas geändert. Nur Khalid war jetzt nicht mehr derselbe. Er hat jetzt Ziele und etwas worauf er sich freut. Manchmal sitzen er und Mohammed am Strand und schauen hinaus auf das blaue Meer mit den weißen Gischtflecken und dann reden sie darüber, wie das sein wird, wenn die Boote da sind. Ja, es werden Boote kommen, eine Spende aus China und sie werden bald schon hier sein. Die Hilfsorganisationen hatten sich dafür eingesetzt und dafür, dass sie auf einer bislang gesperrten Bucht würden trainieren können. Gestern waren sie alle zusammen in ein großes, altes Hotel in Gazah gegangen, dass noch intakt ist. Dort leben normalerweise die Reporter. Aber gestern waren die Rudertrainer mit ihnen dorthin gegangen. Keins von den Kindern hatte je schwimmen gelernt und jetzt, wo doch die Boote bald kommen und sie aufs Wasser gehen würden, mussten sie es lernen. Im Keller des Hotels gab es ein Schwimmbecken, daß ihnen zur Verfügung gestellt wurde. Sie bekamen Badebekleidung, frische Handtücher und bunte Schwimmhilfen aus Schaumstoff.. Khalid war noch nie in einem so schönen Haus gewesen, hatte noch nie so einen Luxus erlebt. Trotz der Aufregung, klappte das mit dem Schwimmen bei den meisten recht gut.  Sie waren kräftig geworden.

Die ganzen letzten Tage lächelt Khalid viel, auch jetzt, mit Mohammed am Strand. Es ist früher Abend. Sie dürfen nicht hinaus, aufs Meer, höchstens an den Strand und bald in die Bucht, aber schon wenn er ein wenig, nur bis zu den Knien im Wasser steht, dann fühlt er sich mit der ganzen Welt verbunden. All die Meere hängen zusammen. Das wusste er von Omar. „Schau! In dieser Richtung", hatte Omar neulich gesagt, „liegt Europa, da ist Amerika, dort Afrika." Dabei hatte er mit ausgestrecktem Arm von rechts nach links gezeigt. Als die Sonne untergeht,  gehen sie nach Hause. Er geht früh zu Bett, schläft aber unruhig. Morgen kommen die Boote. 

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