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tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa

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Slov ant Gali "Die sieben Kugeln" (31)

Ausgeschlafen hatten wir nicht, morgens um halb fünf. Aber wir zogen weiter und ich fand immer wieder Schleichpfade. Jule ahnte kaum, wie weit es noch war. Fragen mochte sie auch nicht mehr. Trottete einfach mit. Wunderte sich, als wir in Karow direkt zum Bahnhof liefen, keine Kontrolle da war und die Bahn tatsächlich Richtung Zentrum fuhr.

Wenig zu sehen vom großen Grauen.“ Ich lächelte zum Fenster hinaus.

Warts nur ab“, antwortete Jule, und in ihrer Stimme lag so viel Angst, dass sie nicht wagte, mich anzusehen. Ich merkte es trotzdem.

Die Ringbahn fuhr noch. Als wir allerdings am Bahnhof Frankfurter Allee weiter nach Hellersdorf wollten, standen wir vor einem vergitterten U-Bahn-Eingang.

Wenn du denkst, ich frag jemanden und mach auf uns aufmerksam, dann hast du dich geschnitten. Die zehn Kilometer könn wir auch noch laufen.“

Aber gefährliche Kilometer! Wir hatten keine andere Möglichkeit, als am Rand der Hauptverkehrsstraße entlang zu laufen. Einer, an der einen mit Sicherheit keiner mitnehmen würde, wo man aber von weitem gesehen werden konnte und mit Posten war auch zu rechnen. Jule suchte nach ersten Zeichen der Katastrophe. Vorerst entdeckten wir weder Patrouillen noch Ätzerfelder. Die ganze Gegend schien irgendwie ausgestorben, kaum ein Fahrzeug kam uns entgegen. Einmal drei Busse hintereinander. Darin die Passagiere umgeben von Bewaffneten.

Die denken, sie könnten die Menschen zu ihrem Glück zwingen.“ Kopfschütteln sah ich den Bussen nach. „Is doch so was von sinnlos. Entgeht ja so wie so keiner seinem Ende.“

Ich hatte Panik erwartet. Flüchtende Massen. Stattdessen werden sie mit Knastbussen weggeschafft.“ Auch Jule waren die Bilder nicht geheuer.

Die Fluchtwelle ist ja schon raus. Was weiß ich, warum jetzt überhaupt noch Menschen da sind, zumindest normale.“

Das musst du gerade sagen“, brummte Jule.

Wieso? Hab ich je behauptet, normal zu sein?“ Ich lachte. „Dann wär ich ja wohl nich hier. Würd brav in meinem Kaff warten. Oder mich evakuieren lassen, wenn das irgendein Kommandant so anordnet. Bloß, um paar Tage später ja trotzdem zu sterben. Pass lieber auf: Wenn die uns mit den Normalos zusammensperren, dann war die ganze Tour umsonst.“ Aber, ehrlich gesagt, war mir allein schon die mehrspurige Straße nicht geheuer, die so verlassen nackt neben uns lag. Tot. Immer unruhiger suchte ich nach einer Abzweigung auf eine Nebenstraße. Zumindest die Gefahr einer Kontrolle war dann kleiner.

Und was ist, wenn die Prophezeiung nichts als Zufall war?“ Jule klammerte sich jetzt an meinen Arm.

Hast immer noch nicht aufgegeben?“ Ich brummte unwillig. „Na, ja, was willst du? Dann sterben wir eben. Die andern ja auch. Aber wir haben uns bewegt. Das ist immer besser. Du kannst ja immer noch umkehren.“

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