tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
Omar redet seit Minuten, schimpft auf die Hamas und die Iraner. Früher hatte er auf die Israelis geschimpft, aber für die Leute von der Fatah gibt es einen neuen Feind, aus den eigenen Reihen. Khalid interessiert das alles nicht. Er hat andere Dinge im Kopf, aber er nickt und stimmt Omar zu, denn er ist ihm dankbar. Khalid hat ihn vor einem Fatah-Gebäude getroffen, auf seinen Weg durch Gazah. Omar hat Arbeit bei der Autonomiebehörde und ist mit Khalids großer Schwester verheiratet. Ohne seinen Lohn und das, was er für die Familie beiseite schafft, in der Behörde, wäre es noch viel schwerer. Viel wichtiger für Khalid ist aber, dass es Omar war, der ihm von dem Rudern erzählt hatte. Khalid hatte erst gedacht, er würde sich über ihn lustig machen. Aber es gab ihn tatsächlich, diesen Ruderverein, mitten in Gazah. The palestine rowing association. Hätte Omar ihm erzählt, dass sich mitten in Gazah eine Raumstation, ein Skigebiet oder eine Schule für Zauberei befindet, hätte Khalid das nicht mehr in Staunen versetzt. Dorthin, zum Rudern ist Khalid grade unterwegs. Eigentlich ist er immer dorthin unterwegs.
Khalid ist jetzt 16 Jahre alt. Noch vor wenigen Jahren hat er meist zuhause gesessen, vor dem Fernseher. Was sollte man tun, zwischen Schutt und Ruinen, zwischen Flüchtlingen und Staub. Es gibt nichts, was man tun kann. Bis er durch Omar vom Ruderverein erfuhr, war er nicht einmal auf die Idee gekommen, dass es anders sein könnte. Er ging hin und blieb. In den ersten beiden Jahren war er nicht ein einziges Mal nass geworden, was nicht unbedingt an seiner Perfektion im Umgang mit den Booten lag, sondern vielmehr daran, dass es keine Boote gab. Es wurde in einer Baracke an Maschinen gerudert. Ergometer, weiß Khalid heute. Khalid weiß auch, dass er inzwischen sehr schnell und sehr weit rudern könnte. Wenn man ihn aufs Wasser ließe. Er ist der beste Ruderer in Gazah und vielleicht wird er irgendwann für Palästina bei der Olympiade antreten. Mohammed, sein bester Freund ist auch mit dabei und er ist auch gut, aber nicht so gut wie Khalid. Beide haben das Gefühl erst zu leben, seit sie das Rudern haben. Dass sie am Meer nur an den Strand können und nicht hinaus aufs Wasser dürfen, das ist schade, aber es ist nicht schlimm. Sie haben das Rudern.
Nein, es ist so auch schon gut. Nach einer Zeit der Lähmung und Starre in seinem Leben, passiert endlich was. Das Rudern hatte ihm endlich etwas gegeben, für das er brannte, etwas, das seinen Tagen eine Form gab. Sinn und Inhalt. In jeder freien Minute ist er dort, rudert die meiste Zeit mit geschlossenen Augen und stellt sich vor, wie die Ruder ins Wasser tauchen. Er stellt sich vor, wie sich das Boot den Weg durch die Wellen bahnt, hinaus aufs offene Meer. Die Baracke mit den drei Ergometern ist für Khalid ein Ort des Friedens. Dort wird nicht geschrien und es wird nicht geschlagen, wie viele es zu Hause erleben. Es gibt nicht nur etwas zu essen für die Jungen und Mädchen, die kommen, auch saubere Bekleidung ohne Löcher und Schuhe werden ausgeteilt.
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Der Text wurde bei der Friedenslesung 2007 ausgezeichnet.