tägliches literarisches Blogjournal mit Lyrik und Prosa
"Sie immer Gras essen, kein Geld... Und sie arbeiten im Wald sehr fleißig"
"Und die Babys, was fressen die da? Können sie auch arbeiten?" fragte der Junge mit der Bomberjacke.
"Nein, Moru nicht arbeiten. Moru warten auf mich. Ich komme zurück und lehren Moru Disziplin, dann Moru gut arbeiten."
"Viele von euch studieren Elefanten hier?" wollte einer wissen.
"Nein, nur zwei...", log ich. Persönlich hatte ich noch keinen Nepalesen in der DDR gesehen.
"Es sind relativ wenig hier, bei uns", sagte der Alte.
"Aber was anderes, wie kriegen die Elefanten ihre Kinder?" fragte einer.
"Elefanten sind sehr klug, nicht Krieg mit ihrer Kinder..." stellte ich mich dumm an.
"Nein, er meint nicht Krieg machen...Sondern lieben, wie Elefanten Liebe machen?" korrigerte der Jüngere.
"Ah, sehr interessante Frage...", sagte ich nachdenklich, um Zeit zu gewinnen, denn ich selbst wußte auch keine Antwort. Ich hatte Elefanten auch nur im Zoo gesehen. Nach ein paar Sekunden hatte ich die Antwort gefunden und fuhr fort: "Die Elefanten immer schämen, nicht zeigen, wie sie bumbum machen...Aber alte Menschen erzählen, Elefantenmann und Elefantenfrau suchen ein Gefälle. Die Elefantenfrau stehen unten, und lehnen die Schultern an einen großen Baum und Elefantenmann laufen schnell von oben und springen auf seine Frau...Und wenn der ganzen Wald wackeln, dann weiß man, daß die Elefanten bumbum machen..." Ich schämte mich, die Elefanten so blöd darzustellen, aber ich hatte gar keine Wahl. Ich hatte doch angegeben, ich studiere Elefant und außerdem wollte ich nicht rausgeworfen werden...
"Ich habe auch gehört, sie machen es im Wasser...", sagte einer.
"Ja, auch, aber bei uns auch im Wald... Und anders" sagte ich.
"Na, klar", stimmte der Alte zu, "jeder macht das anders. Du machst es auch nicht wie ein Neger oder?"
Sie lachten und unterhielten sich mit mir, erzählten mir von ihren Haustieren, von Hund, Katze, Goldfisch und der einer hatte einen brasilianischen Papagei. Ich versuchte mich an die Geschichten über Elefanten, die ich als Kind gelesen hatte, zu erinnern. Auch von den Hängebauchschweinen erzählte ich...
Langsam hielt der Zug an. Endlich war ich in Leipzig angekommen.
"Tschüß", sagten sie. Sie fuhren weiter.
"Wiedersehen, ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg in einem neuen Deutschland...", sagte ich, und dabei hatte ich vergessen, daß ich gebrochen Deutsch hätte sprechen sollen. Aber es fiel ihnen nicht auf.
"Viele Grüße an Moru, wenn du zu Hause bist" sagte der Jüngere mitder Bomberjacke.
"Moru? " Ich war erschrocken, hatte beinah vergessen, was Moru heißen sollte. "Ja, mein Elefantenjunge...Ja Moru, der hat mir das Leben gerettet..."
Ich sah, wie ein Zug von dem Gleis nebenan langsam abfuhr und hörte junge Menschen singen und rufen: " Deutschland, Deutschland...". Wahrscheinlich spielte an diesem Tag die Oberliga. Aber wohin der Zug fuhr, wußte ich nicht.
Ich dachte nur noch an Moru, den kleinen Elefanten...
Todeserwachen
Kaum hatte sich Rahman an seine neue Umgebung gewöhnt, wurde er Spitze – und nicht nur im Empfangen von Schmachtblicken der Mädchen. Bald schon wollten die meisten bei Klassenarbeiten in seiner Nähe sitzen, um abzuschreiben oder seine Lösungszettel zugeschoben zu bekommen. Warum sollte er dann nicht Medizin studieren? Klar, damit kostete er seine Familie viel Geld und er zog aus der gerade gewonnenen Heimat schon wieder weg nach Berlin, aber er besänftigte seine Eltern. Er versprach ihnen, sich nach dem Studium um eine Stelle an der mecklenburgischen Landesklinik zu bewerben, und das war doch eine Aussicht! Der Vater sah seinen Sohn schon als künftigen Chefarzt. Da machte es auch nichts, als die erste Bewerbung trotz eines hervorragenden Staatsexamens scheiterte. Rahman blieb vorerst in seiner Studentenbude in Berlin, um seinen Doktor der Medizin zu machen – das hoffte zumindest die Familie.
Von Rahmans Versuchen mit seiner Kugel ahnten sie natürlich nichts. Er hatte sie während des Studiums zum Beispiel einem künftigen Zahnarzt gezeigt. Man müsse eben, entschied dieser überzeugt und im Vollbesitz eines nicht unerheblichen Alkoholpegels, mittels eines Zahnbohrers ein Loch in die Oberfläche des merkwürdigen Objekts bohren. Unglücklicherweise machten sich beide sofort ans Werk. Die Folge dieses wissenschaftlichen Experiments war niederschmetternd. Der Bohrer zerbrach wie die Freundschaft der beiden Studenten, als sich abzeichnete, wie hoch der nächtliche Schaden war. Dabei hatten sie eines trotzdem nicht geschafft: Die Oberfläche der Kugel war nicht einmal angeritzt. Der andere Student ging Rahman von da an aus dem Weg.
Rahman entschied für sich, von nun an jedes wissenschaftliche Interesse an diesem nichtdentalen Medium geheim zu halten, war die ganze Angelegenheit doch dadurch ins Rollen gekommen, dass er erzählt hatte, wie er kurz zuvor ähnlich den Versuchen auf Näswerder, mit dem Hammer auf die Kugel eingedroschen hatte. Immerhin sei er wohl jetzt stärker und geschickter als damals, hatte er angesichts der gemeinschaftlich geleerten Flaschen erklärt. Und dass er abgerutscht war, ohne Wirkung zu erzielen. Die unscheinbar graue Kugel schien ihn verspotten zu wollen. Was er auch tat, er erreichte nichts. Sollte er vielleicht aufs Dach steigen, um sie aufs Pflaster herunterfallen zu lassen? Wahrscheinlich zertrümmerte er damit eher ein Stück Straße als den Kern der Kugel freizulegen. Das hatte dann seinen Kommilitonen provoziert, dem Ding mal richtig auf den Zahn zu fühlen.
Nie wieder so einen Mist!
Der Vorsatz hielt allerdings nicht lange. Die Wendung brachte eine sich anbahnende Freundschaft mit einer Röntgenassistentin. Dass er nicht früher auf die Idee gekommen war! Warum nicht erst einmal nachsehen, ob etwas drin war in dem Ding?
„Ja, es ist verrückt. Aber das Ding beschäftigt mich schon seit meiner Kinderzeit. Es schadet doch nichts. Du durchleuchtest die Kugel in einer Pause. Ich tue, als wäre ich Patient und verschwinde sofort wieder.“
Sie konnte ihm seine Bitte nicht abschlagen. Sie freute sich ja, dass er noch etwas verrückter schien als die Männer, die sie bisher kennen gelernt hatte, aber sie war noch in der Ausbildung. Also geschah alles zwischendurch. Schnell ein paar Röntgenbilder, für die eigentlich Rahman in die Kabine gegangen war … „Entschuldige, ich hab ein paar Bilder mehr gemacht. Das macht doch wohl nichts bei so einer toten Kugel, oder?“ Das war natürlich eine naive Frage. Aber Rahmen ahnte das nicht. Er hatte längst ein anderes Problem als die technische Abrechnung der Röntgenuntersuchungen: Als er, spitzbübisch feixend, die Kugel in seinem Rucksack hatte verschwinden lassen, schien sie bläulich zu schimmern. Und Rahman war absolut nüchtern.