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13. Dezember 2011 2 13 /12 /Dezember /2011 07:53
 

 

 

 

Sollte sie etwa zugeben, wie sehr sie sich fürchtete? Es war doch Generationen von jungen Koom nichts Gefährliches begegnet. Sämtliche Horrorgeschichten, die alle über den Welaspalt verbreiteten, sollten bestimmt nur den Kitzel der Mutprobe erhöhen. Außerdem hatte Okana einen neuen Zugang ins Sperrgebiet entdeckt und sie brauchte ihr nur zu folgen.
Dass beide schon bald ausgelassen im Traumsee baden und Wesen aus einer fernen Welt begegnen sollten, hätte sich Onja, das Pondomädchen mit den Sonnenblättern auf der Haut, nicht vorstellen können; ebenso wenig, dass sie gegen ihre Feinde bewaffneten Widerstand organisieren würde. Sie ahnte ja noch gar nichts von drohenden Überfällen, fremden Planeten, Raumschiffen, und Uljana Silberbaum, die gerade irrtümlich aus ihrem Kälteschlaf geweckt

 

 

„Wer sind Sie?“

Erstaunt blickt die Frau mit dem schwarzen Ledermantel auf die Fremde, die – wie aus dem Erdboden gewachsen – plötzlich vor ihr steht.

Misstrauisch mustert sie sie.

Sie ist ihr ähnlich.

Gleiche Größe, gleiche Figur, die gleichen dunklen Haare, die gleichen Augen, Nase, Mund – alles scheint ihr zu gleichen.

Und doch – irgendwie – ist sie anders ... ist ES anders.

Es ist der Blick unter den missbilligend in die Höhe gezogenen Augenbrauen.

Er ist überheblich, drückt Verachtung aus.

Die ganze Haltung drückt Verachtung aus.

 

„Kennst du mich nicht?“, antwortet die Andere. Ein spöttisches Lächeln umspielt ihre Mundwinkel.„Stimmt, wir haben uns länger nicht gesehen. Oder besser: DU hast mich nicht gesehen. Nicht sehen wollen, auch wenn ich in deiner Nähe war, aber jetzt kannst du wohl nicht umhin, mich zur Kenntnis zu nehmen, was?“

 

Die Frau im Ledermantel blinzelt.

Verwirrt schüttelt sie den Kopf, versucht, die Fremde näher zu erfassen, aber ihre Sinne sind wie unter einer dicken Schicht Watte verborgen.

 

Schwer werden ihre Arme nach unten gezogen. Riesige Tüten hängen daran, bedruckt mit den Logos teurer Boutiquen und exklusiver Parfümerien. Geschenkeeinkauf.

Ihr wird heiß.

Der schwere Mantel, die Nappalederhandschuhe mit dem Pelzbesatz, die elegante Nerzkappe auf dem Kopf und der breite Kaschmirschal um ihre Schulter engen sie ein, erdrücken sie geradezu.

Sie schnappt nach Luft. Hilfe suchend sieht sie sich um.

 

Menschen laufen hektisch durch die Straße, verweilen kaum vor den hell erleuchteten und festlich geschmückten Schaufenstern.

Sie sind ähnlich beladen wie sie.

Mit gestresstem Gesichtsausdruck hetzen sie vorbei.

Vorbei an ihr.

Aber auch vorbei an dem Alten, der mit leerem Blick auf der Bank sitzt, einen Pappbecher in der Linken hält und mit der Rechten abwesend den Kopf seines Hundes krault.

Vorbei an der gebeugten Frau, die sich - auf ihren Rollator gestützt – trippelnden Schrittes ihren Weg durch die rücksichtslos drängelnden Massen bahnt.

Gleichgültig vorbei an dem mit schwerer Tasche Beladenen, der mit seiner Stimme das „Oh, du fröhliche“ aus dem Kaufhaus zu übertönen versucht: „Asphalt-Zeitung. Dezember-Ausgabe. Heute mit Kalenderbeilage!“

Vorbei auch an der jungen Mutter, die sich verzweifelt mit ihrem Kinderwagen die Stufen zur Straenbahn hinaufkämpft.

Vorbei an den Jugendlichen mit den löchrigen Jeans und den gefärbten Haaren, die sich an der Ecke Wärme suchend zusammendrängen.

Vorbei an dem Kind mit den großen braunen Augen, das zitternd auf dem Schoß der Mutter sitzt, die ihre nackte Hand bittend ausstreckt.

 

Vorbei an ...

 

Wieder blinzelt sie.

„Nicht wahr, jetzt erkennst du mich?“, lächelt die Fremde und ist im nächsten Moment verschwunden.

Ja, sie hat sie erkannt.

Ihr Name ist 'Gewissen'.

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